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Eine Dreiviertel-Wahl

Vor der Gebietsreform wird in Sachsen-Anhalts Kommunen gewählt

Statt 21 gibt es in Sachsen-Anhalt ab Juli nur noch elf Landkreise . Deshalb wird am Sonntag in den Kommunen gewählt. Das Interesse ist mäßig.
Baron Bodo von Schilling mag Ziegen, Bienen und Politik. Der 46-jährige Adlige, der Strohhut und Kniebundhose kühn mit einer Fliege kombiniert und auf seinem Hof die seltene Thüringer Waldziege züchtet, hat schon die Junge Union und die Grünen mit seinem Engagement beglückt; jetzt will er Landrat in der Börde werden. Die Amtsinhaber, erklärt er generös, übernähme er als Stellvertreter.
Ob von Schillings ambitioniertes Vorhaben gelingt, entscheidet sich am Sonntag. Dann wird in Sachsen-Anhalts Kommunen gewählt - nur drei Jahre nach der letzten Wahl. Grund dafür ist eine Gebietsreform: Zum 1. Juli wird die Zahl der Landkreise von 21 auf elf reduziert. Allerdings sind nicht alle Kommunen betroffen: Weil sich an ihrem Zuschnitt nichts ändert, sind sowohl die Altmarkkreise Salzwedel und Stendal als auch die Städte Halle und Magdeburg von der Wahl ausgenommen. Nur gut drei Viertel der zwei Millionen Wahlberechtigten im Land sind daher zur Stimmabgabe aufgerufen.
Tatsächlich abstimmen dürften weit weniger Bürger. Während 1994 noch 67 Prozent an der Kommunalwahl teilnahmen, waren es zehn Jahre später unter 45 Prozent. Nun droht ein neuer Tiefstand: Einer aktuellen Umfrage zufolge halten 58 Prozent der Befragten die Wahl für eher unwichtig - noch mehr als bei der Landtagswahl 2006, an der schließlich nur 44 Prozent der Bürger teilnahmen.
Gewählt werden am Sonntag sowohl die Kreistage als auch die Landräte der neuen, größeren Landkreise. Für die Kommunalparlamente gehen 16 Parteien ins Rennen, dazu Wählervereinigungen von der Gruppierung »Mehr Recht und Schutz für kleine Leute« im Harz bis zur Volkssolidarität Sangerhausen. Prognosen zufolge dürfte die CDU stärkste Kraft bleiben; Umfragen sehen sie mit 35 Prozent vor Linkspartei (25) und SPD (24). Vor drei Jahren kamen die Union auf 37, die PDS auf 21 und die SPD auf 20 Prozent. Offen ist, wie die NPD abschneidet, die bisher nur in zwei Kreistagen sitzt, aber diesmal massiv wirbt und in sieben Landkreisen antritt. Der Altersdurchschnitt ihrer 151 Bewerber liegt mit 37 Jahren deutlich unter dem anderer Parteien.
Spannung verspricht vielerorts die Kür der neuen Landräte - entweder, weil die Amtsinhaber wie in Südharz-Mansfeld, dem Saalekreis und in Wittenberg ausscheiden, oder weil mehrere amtierende Landräte aufeinandertreffen. Insgesamt gehen nur neun von 19 Amtsinhabern wieder ins Rennen, darunter im Jerichower Land auch Lothar Finzelberg, der einst als erster PDS-Mann in die Phalanx von CDU- und SPD-Landräten einbrechen konnte, inzwischen aber sein Parteibuch ebenso abgegeben hat wie die SPD-Kollegen Harri Reiche und Eric Hunker. Beide treten als Parteilose an, letzterer im neuen Salzlandkreis gegen die Landräte aus Aschersleben und Bernburg. Immerhin zwei Matadore wetteifern in der Börde. Das Duell zwischen Burkhard Kannegießer (SPD) und CDU-Landeschef Thomas Webel dürfte dem fliegetragenden Ziegenzüchter Baron von Schilling keine Chance lassen.


Bei der letzten Wahl im Osten vor der Parteifusion will die Linke in Sachsen-Anhalts Kommunen ihren zweiten Rang verteidigen - obwohl in Hochburgen wie Magdeburg und Halle nicht gewählt wird. Der Unterschied zwischen Stadt und Land sei aber nicht mehr groß, sagt Landeschef Matthias Höhn. Prognosen sehen seine Partei bei 25 Prozent. Linkspartei und WASG bilden eine »Wahlvorschlagsverbindung«: Die Stimmen werden getrennt gesammelt, aber zusammen gezählt. Die Linkspartei hat 585 Bewerber, die WASG 22. Als besonders chancenreich gelten Landrats-Bewerber Harald Koch (WASG, jetzt Vize-Landrat in Sangerhausen) und Ralf Schönemann, der OB in der neu gebildeten Stadt Dessau-Roßlau werden will. HL

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