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Eine schaurige Liaison

Football Lads Alliance und Politik von Rechtsaußen: In Birmingham marschieren wieder Tausende Fußballfans

  • Von Simon Volpers
  • Lesedauer: 4 Min.

An der berühmten »Speaker’s Corner« des Londoner Hyde Parks trugen einst schon Marx und Lenin ihre Thesen vor. Am vergangenen Sonntag versammelte sich dort aber ein anderes politisches Klientel. Der Auftritt des rechten Medienaktivisten Tommy Robinson, unter anderem Gründer des britischen Pegida-Ablegers, wurde von Hunderten beklatscht und mit einschlägigen Sprechchören bedacht.

In der johlenden Menge fand sich auch eine beträchtliche Anzahl von Anhängern der »Football Lads Alliance« (FLA), deren Führungsriege zur Teilnahme aufgerufen hatte. Die FLA war im vergangenen Juni nach islamistischen Anschlägen in London und Manchester entstanden und gerierte sich als eine Bewegung von Fußballfans, die gegen Extremismus und Terror einsteht. Tatsächlich aber agitiert die Gruppe seither vornehmlich gegen Muslime und Migranten. Auch zog sie von Beginn an Personen und Strukturen der extremen Rechten an.

Im Juni und Oktober 2017 organisierte die FLA Aufmärsche mit mehreren zehntausend Teilnehmern an den Orten des Terrors in der britischen Hauptstadt. Fußballanhänger fast aller Vereine im Land beteiligten sich und ließen gar Feindschaften untereinander ruhen. Trotz vieler rechter Teilnehmer und Parolen auf den Demonstrationen betonte die FLA, sie sei spektrenübergreifend und politisch unabhängig.

Dies scheint sich nun gewandelt zu haben. Der Schulterschluss mit Robinson, einem der wichtigsten britischen politischen Rechtsaußen, hatte sich angedeutet. Antirassistische Beobachter der FLA hatten eine solche Entwicklung - ähnlich der »English Defence League« (EDL) - prophezeit. Die EDL war 2009 ebenfalls in der Hooliganszene als anti-muslimische Bewegung entstanden, die schnell ins neonazistische Milieu abdriftete. Ihr langjähriger Anführer war eben jener Robinson, der nun von der FLA umworben wird.

Dabei stellt diese schaurige Liaison bloß die Spitze des (rechten) Eisberges dar. Bereits während des Aufmarsches im vergangenen Oktober kam es aus dem Demonstrationszug zu Beleidigungen und Attacken auf antirassistische Protestierer. Als wenige Wochen später die »Chelsea Headhunters«, die für ihren strammen Rassismus berüchtigten Hooligans des Londoner Erfolgsvereins, vor einer Moschee aufzogen, wünschte ihnen FLA-Chef John Meighan »viel Glück«. Auf Nachfrage sagte er dazu bloß: »Ich werde jeden unterstützen, der gegen islamischen Terrorismus protestiert.« Insbesondere in den sozialen Medien entlarven sich die FLA-Anhänger. Der »Guardian« veröffentlichte unlängst Beiträge aus seiner eigentlich leserinternen Facebook-Gruppe. Dort schrieb also jemand, dass Londons Bürgermeister Sadiq Khan gehängt werden sollte. Andere forderten die Abschiebung der in Großbritannien geborenen, schwarzen Labour-Abgeordneten Diane Abbott. Darren Osborne, Attentäter des Anschlags auf die Finsbury Park-Moschee, firmiert bei einigen als »Sündenbock« oder gar als »Held«. Osborne selbst übrigens ist ebenfalls Anhänger Tommy Robinsons, wie kürzlich bekannt wurde.

Mit dem Märchen des vermeintlich friedlichen Protests von Fußballfans ist es jedenfalls vorbei. Dennoch rekrutiert die FLA einen Großteil ihrer Anhänger nach wie vor in der in Großbritannien traditionell großen Gruppe der weißen, proletarischen Anhänger des Fußballs. Für den kommenden Sonnabend mobilisiert sie erneut zu einem Aufmarsch, dieses Mal nach Birmingham, in die zweitgrößte Stadt im Vereinigten Königreich. Zuvor war bereits der Versuch, sich auch in Schottland erfolgreich aufzustellen, kläglich gescheitert - obwohl FLA-Boss Meighan noch das Gespräch mit Vertretern der größten Fußballfanszenen des Landes gesucht hatte. Zur Kundgebung in Edinburgh im November kamen nur rund 150 Personen, davon viele als Gäste aus England.

Am Sonnabend werden allerdings wieder mehrere Tausend Teilnehmer erwartet - auch weil einmal mehr der strategisch günstige Termin in der Länderspielpause gewählt wurde, an dem viele englische Fußballfans nicht mit der Unterstützung des eigenen Teams beschäftigt sind. Neben einem Gegenprotest ist auch ein Aufzug der »Democratic Football Lads Alliance« (DFLA) angemeldet. Dabei handelt es sich um eine Abspaltung von der FLA, deren Mitglieder Meighan vorwerfen, Spenden veruntreut zu haben. Pikantes Detail: Viele der Spalter stammen ebenso wie Meighan aus der Fanszene von Tottenham Hotspur. Politisch liegt die DFLA jedoch auf einer Wellenlänge mit dem Original.

Die Gesinnung der FLA spiegelt sich in der Rednerliste ihres kommenden Aufmarsches wider. Angekündigt sind unter anderem Anne Marie Waters, Gründerin der extrem rechten und islamfeindlichen Kleinpartei »For Britain«, sowie Aline Moraes, die in der neurechten Identitären Bewegung aktiv ist. Es steht zu befürchten, dass beide den Hass der FLA-Anhänger auf Migranten weiter schüren werden. Laut Informationen der Initiative »Stand Up To Racism« planen einige bereits Übergriffe auf Muslime am Rand der Demonstration. Auch am vergangenen Sonntag war es nahe der Londoner »Speaker’s Corner« bereits zu Gewalttätigkeiten gegen migrantische und linke Protestierende gekommen. Hier wurde offenkundig, was sich hinter der Maske der »Football Lads« verbirgt.

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