Zarenkult und Internet

Philharmonie Berlin II: Das Ural Philharmonic Orchestra aus Jekaterinburg musiziert zwischen Tradition und Moderne

  • Von ' Antje Rößler
  • Lesedauer: 3 Min.

Zweieinhalb Flugstunden von Moskau entfernt, am Rande des Urals, boomt die Kultur. Die Philharmonische Gesellschaft ist ein Imperium inmitten der Millionenstadt Jekaterinburg, die einst Swerdlowsk hieß; benannt nach dem bolschewistischen Parteifunktionär Jakow Swerdlowsk.

Bis 1991 gehörte Swerdlowsk zu den streng abgeriegelten sowjetischen Zentren des Schwermaschinen- und Rüstungsbaus. Der westlichen Musikwelt blieb daher lange verborgen, dass an der Grenze zwischen Europa und Asien eines der besten Orchester des sowjetischen Reiches musizierte. Die riesige, mitten in der Stadt gelegene Schwermaschinenfabrik Uralmash war Hauptsponsor der Philharmonie. Noch heute arbeiten hier über 16 000 Menschen.

Gegründet wurde das Ural Philharmonic 1936 als Klangkörper des örtlichen Rundfunksenders. Aus jener Zeit stammt auch das majestätische Konzertgebäude mit seinen sozialistisch-realistischen Wandmalereien, das nicht nur das Ural Philharmonic, sondern auch einen Profi-Chor und ein 70-köpfiges Jugendorchester beherbergt.

Die blitzblank sanierte Philharmonie steht an der schnurgeraden Karl-Liebknecht-Straße, schräg gegenüber der gewaltig-prunkvollen »Kathedrale auf dem Blut«, die vor 15 Jahren an jener Stelle errichtet wurde, wo die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution die Zarenfamilie umgebracht hatten.

Beim Ural Philharmonic arrangiert man sich mit den örtlichen Machtverhältnissen; zugleich blickt man nach Europa. Seit 20 Jahren geht das Ensemble zunehmend auf Auslandstourneen. 2013 gastierte es erstmals in Deutschland, beim Beethovenfest Bonn. Für das Label Naxos hat es Rachmaninows Klavierkonzerte zusammen mit dem russischen Pianisten Boris Beresowski eingespielt. Die meisten seiner über hundert Konzerte im Jahr gibt das Ural Philharmonic, das übrigens eine hohe Frauenquote aufweist, jedoch in seiner Heimatstadt und sieben weiteren Auftrittsorten im Ural. Der Chefdirigent heißt Dmitry Liss. Der Absolvent des Moskauer Konservatoriums gewann 1995 den Dirigentenwettbewerb in Zagreb; im selben Jahr trat er seinen Posten in Jekaterinburg an. Zusammen mit dem umtriebigen Intendanten Alexander Kolotkursky hat er die Auslastung auf 95 Prozent getrieben; mit einem hohen Anteil junger Besucher. Allein 35 Mitarbeiter kümmern sich um pädagogische Programme.

Seit 2005 musiziert das Ural Philharmonic auch im virtuellen Raum: Sämtliche Saisonkonzerte werden an über 25 umliegenden Orten im Livestream ausgestrahlt. Meist versammeln sich die Besucher, die dafür keinen Eintritt zahlen, in der kommunalen Bibliothek. Um all das zu leisten, hat die Intendanz über drei Jahrzehnte hinweg ein riesiges Netzwerk aufgebaut: Der Freundeskreis der Philharmonie besteht aus sagenhaften 24 000 Mitgliedern; eine ganze Abteilung tut nichts anderes, als dieses Netzwerk zu pflegen. Es gilt, die finanzielle Unabhängigkeit der Institution zu erhalten. Je mehr Spender und Sponsoren Intendant Kolutkursky auftreibt, desto bereitwilliger geben auch die öffentlichen Stellen Gelder.

Zaren-Nostalgie einerseits, Live-Streams und Konzertmanagement-Methoden des 21. Jahrhunderts andererseits - im fernen Ural geht das alles zusammen.

Gastspiel am 22. Mai, 20 Uhr, in der Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Straße 1, Berlin-Tiergarten.

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