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Liebe in den Zeiten des Neoliberalismus

»In den Gängen« könnte eine Geschichte aus der realen Arbeitswelt von Lohnabhängigen sein, wenn sie nicht rührselig wäre

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 6 Min.

Die Getränke können nicht so gut mit den Konserven, dafür verstehen sie sich blendend mit den Süßwaren; die wiederum stehen auf Kriegsfuß mit den Nährmitteln. So erklärt es Bruno (Peter Kurth) dem »Frischling«, der neu ist in dem riesigen Einkaufsmarkt am Rande Leipzigs und in die innerbetrieblichen Animositäten zwischen den Abteilungen eingeweiht wird.

Dieser Film ist ein Solitär. Oder wann haben Sie das letzte Mal im Kino eine Geschichte aus der realen Arbeitswelt von Lohnabhängigen gesehen? Höchst selten interessieren sich Regisseure und/oder Drehbuchautoren für das Milieu, in dem viele ihrer Rezipienten beruflich tätig sein dürften. Dabei ist gerade die sich verändernde Funktion und Bedeutung der Lohnarbeit für unzählige Menschen ein drängendes Thema; ein Diskurs darüber, wie wir arbeiten (und auch leben) wollen, ist angesichts der neoliberalen Umwälzung der Gesellschaft, die Hand in Hand mit der Digitalisierung weiter Lebensbereiche und Berufsfelder geht, von einiger Aktualität. Solch ein Sujet gewählt zu haben, dafür gibt man den Machern des Films »In den Gängen« schon mal einen Sympathievorschuss. Vorlage für den Film war die gleichnamige Kurzgeschichte des Leipziger Schriftstellers Clemens Meyer, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat.

Erzählt wird die Geschichte der Annäherung zwischen Christian (Franz Rogowski) von den Getränken und Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung. Beide sind Gezeichnete; Christian kommt frisch aus dem Knast und - gewillt, den Pfad der Tugend nicht mehr zu verlassen - ist froh über den Halt und die Struktur, die ihm der neue Job geben. Marion ist offenkundig angeödet von ihrem Leben in der Doppelhaushälfte mit all den ungelebten Träumen, einem ungeliebten Ehemann, ohne Kinder. Viel mehr erfährt man nicht über die beiden, aber das ist auch nicht nötig, ohnehin spielt sich der Großteil des Filmgeschehens in den Hallen des Einkaufsmarktes ab. Hier wird Christian in die Geheimnisse der Lagerhaltung und des Gabelstaplerfahrens eingeweiht, hier beobachtet er Marion heimlich durchs Hochregal, hier spielen sich die Dramen des Arbeitsalltags ab.

Was für eine großartige Vorlage, um über Liebe in den Zeiten des Neoliberalismus zu erzählen. Leider interessiert sich der Film letztlich nicht für solcherlei Fragestellungen. Stattdessen entwirft der junge Regisseur Thomas Stuber, der mit seinem Vorgängerfilm »Herbert« eine beeindruckende und präzise Milieustudie um einen alternden Boxer, der an der »Ali-Krankheit« leidet, geschaffen hat, hier eine Arbeitswelt wie aus der Zeit gefallen. Von irgendeiner Art Leistungsdruck ist in dem Riesensupermarkt nichts zu spüren, gemütlich geht’s zu, Zeit für ein ausführliches Schwätzchen ist immer. Zwischendurch wird heimlich eine Partie Schach gespielt und regelmäßig »’ne Fuffzehn gemacht«, wie die Raucherpausen heißen. Das Personal besteht aus schrulligen und kauzigen, im Grunde aber liebenswerten Typen, und alle halten ganz doll zusammen. Selbst der Chef ist ein herzensguter; nach Feierabend werden die Kollegen von ihm an der Stechuhr einzeln per Handschlag verabschiedet, und zur Weihnachtsfeier heißt es: Hier grillt der Chef noch selbst. Ein wahres Kollektiv der sozialistischen Arbeit, wie es sich die DDR nicht besser hätte ausdenken können. Mit der Realität in einem dieser Verbrauchermärkte, wo die gehetzten und bemitleidenswerten Angestellten mit Mühe die Fasson gegenüber den Kunden wahren, hat die oben beschriebene Versuchsanordnung nur wenig zu tun.

Damit verschenkt Stuber eine große Möglichkeit. All die Plagen der heutigen Arbeitswelt, gerade unter sogenannten Geringqualifizierten - Ausbeutung, Arbeitszeitverdichtung, Niedriglöhne, prekäre Beschäftigung, Leiharbeit und Kettenbefristungen -, spielen im Film keine Rolle. Das scharfe Bild der sozialen Verhältnisse, das Clemens Meyer in seinen Geschichten zeichnet, in denen die Lebenswelt der Abgehängten erkennbar wird, findet sich hier nicht wieder. Nun sollte man zwar im Kino keinen Debattenfilm durcharbeiten müssen, und ein Spielfilm ist auch keine Soziologievorlesung, aber die Realität derart weichzuzeichnen, um den Zuschauer nicht zu überfordern, kann wohl auch nicht die Lösung sein. In der wirklichen Welt plant die Einzelhandelskette real beispielsweise gerade den Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag, um die Löhne drücken zu können. Da muss sich die Verkäuferin beim Betrachten des Films wirklich veralbert vorkommen.

In diesem pittoresken Figurenensemble kommen sich die beiden Protagonisten allmählich näher. Leider ist Marion jedoch verheiratet, unglücklich zwar, aber eben vergeben. Dabei wird nicht so recht klar, was Marion an Christian eigentlich findet, den Franz Rogowski geradezu grenzdebil spielen muss: Kaum ist er in der Lage, einen ganzen Satz herauszubringen, geschweige denn, ein Gefühl zu artikulieren. Das Drehbuch weist Christian die Rolle eines gehemmten Jünglings zu, die so gar nicht zu seiner angedeuteten Vergangenheit als schwerer Junge passen will. Allenfalls darf er seine Angebetete kuhäugig anhimmeln, womit Rogowski, der gegenwärtige Shootingstar des deutschen Films, eindeutig unterfordert ist. Der Darstellerpreis, den er kürzlich beim Deutschen Filmpreis für die Rolle erhielt, dürfte ihm wohl für seine Künste beim Gabelstaplerfahren, welches er eigens für diesen Film erlernen musste, verliehen worden sein.

Die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen Marion und Christian entspinnt, ist zwar durchaus berührend, schon wegen der beiden großartigen Darsteller. Da die Figuren aber keine wirkliche Entwicklung durchmachen und das Umfeld - siehe oben - so merkwürdig lebensfremd ist, bleibt die Romanze zwischen beiden blass und gewinnt auch im Lauf des Films nicht an Glaubwürdigkeit, zumal die Dialoge altbacken und manchmal peinlich hölzern sind. Irgendwann wird Christian von seiner Vergangenheit eingeholt - zwei alten Kumpels, Tennissocken tragenden Unterschichtler-Stereotypen - die ihn prompt in sein altes Leben zwischen Komasaufen und Kleinkriminalität zurückholen wollen. Angesichts der unbefriedigenden Liebessituation erleidet unser Held prompt einen Rückfall; die Kraft des Kollektivs hält ihn freilich in der Bahn und, pssst, »die da oben« werden nüscht erfahren.

Natürlich gibt es im VEB Kaufland noch andere (zwischen-)menschliche Probleme zu bewältigen; Krebs, Einsamkeit, Alkohol, sogar ein Selbstmord passiert - aber angesichts der schablonenhaften Versuchsanordnung vermögen diese den Zuschauer kaum zu berühren.

»In den Gängen« ist, man muss es so sagen, ein rührselig-sentimentaler Film über die sogenannten kleinen Leute bzw. darüber, wie empathiewillige Intellektuelle sich diese vorstellen. Dass Co-Autor Clemens Meyer dereinst selbst drei Jahre als Gabelstaplerfahrer gearbeitet hat, um sein Studium am Literaturinstitut zu finanzieren, ändert nichts daran. Man darf freilich nicht verschweigen, dass der Film bei der diesjährigen Berlinale auf viel Sympathie gestoßen ist. Angesichts des drolligen Personals lässt er den Betrachter tatsächlich nicht unberührt, und es macht wie immer großen Spaß, Sandra Hüller zuzusehen, die zuletzt mit ihrer Rolle in dem Film »Toni Erdmann« Furore machte. Aber letztlich findet der Regisseur einfach nicht den richtigen Ton, um glaubwürdig von einer Liebe im Angestelltenmilieu zu erzählen. Der Rezensent bedauert das ausdrücklich.

»In den Gängen«, Deutschland 2017. Regie: Thomas Stuber. Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber. Darsteller: Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth. 125 Min.

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