• Politik
  • Flüchtlingsdrama im Mittelmeer

Seenotretter bestreiten Vorwürfe

Die zivilen Flüchtlingsretter im Mittelmeer wehren sich gegen ihre Kriminalisierung durch die Politik

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Hilfsorganisationen Lifeline, Sea-Watch und Sea-Eye wehren sich gegen die erhobenen Anschuldigungen im Zusammenhang mit deutschen Rettungsschiffen im Mittelmeer. »Wir haben uns an alle internationalen Konventionen gehalten«, sagte Marie Naass von Lifeline e.V. am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Berlin: »Jegliche Anschuldigungen weisen wir von uns.«

Nach einer sechstägigen Odyssee im Mittelmeer konnte das Rettungsschiff »Lifeline« am Mittwoch in den Hafen von Valletta auf Malta einlaufen. Der Verein sieht sich nun mit verschiedenen juristischen und politischen Vorwürfen konfrontiert. Maltas Regierung wirft dem »Lifeline«-Kapitän Claus-Peter Reisch vor, gegen »internationale Gesetze verstoßen und Anweisungen der italienischen Behörden missachtet« zu haben. Der Kapitän wurde bereits von der Polizei befragt.

Derzeit gebe es aber »keine Anklagen, keine Verfahren«, sagte Naass. Auch das Schiff sei »nicht konfisziert«. Der Kapitän und die Crew befinden sich nach nd-Informationen inzwischen in einem Hotel auf Malta. Ihnen wird vorgeworfen, sich nicht an die Weisungen der italienischen Behörden gehalten zu haben. Bei einem Rettungseinsatz von 226 Geflüchteten während der letzten Mission habe die Rettungsstelle in Rom den Einsatz an ein Schiff der libyschen Küstenwache übergeben. Als die »Lifeline« sich der Rettungsstelle näherte, war aber kein anderes Schiff in Sicht. »In einer solchen Situation entscheiden wir in Sekunden«, sagte Naass. Das Schlauchboot sei bereits beschädigt gewesen. Die »Lifeline« begann sofort mit der Rettung der Menschen. Zwei Stunden später traf die Küstenwache ein.

Mit den Vorwürfen gegen die Rettungsorganisationen, die in den letzten Tagen nach dem Vorfall unter anderem auch von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) geäußert wurden, sollten die Hilfsorganisationen zu Sündenböcken für eine verfehlte europäische Asylpolitik gemacht werden, kritisierte Naass. Die zivilen Seenotretter operierten aber im Mittelmeer, weil die europäischen Staaten ihrer humanitären Verantwortung nicht nachkämen.

Einige Tage zuvor musste auch das Rettungsschiff »Aquarius« lange auf Zuweisung eines sicheren Hafens warten. Unter Italiens neuem Innenminister Matteo Salvini wird der Ton gegenüber den zivilen Seenotrettern härter. Die Hilfsorganisationen stellt die neue Linie Roms vor Probleme: Ohne gute Kooperation mit den Behörden an Land und sicheren Zielhäfen drohen alle zukünftigen Missionen zu solchen Hängepartien zu werden, wie sie die Crews der »Aquarius« und der »Lifeline« erdulden mussten. Zu »nd« sagte Naass sie sehe einen »direkten Zusammenhang« zwischen ausbleibenden Rettungsmissionen und höheren Todeszahlen. Alleine deshalb müssten die Missionen weitergehen, auch wenn die politische Gemengelage wenig Anlass zu Optimismus geben würde. Auch der Vorsitzende von Sea-Watch, Johannes Bayer, meint gegenüber »nd«, der Weg, den die europäischen Institutionen gerade einschlagen, »würde nur über Leichen gehen«. Es sei eine sehr schwierige Situation für die Hilfsorganisationen. Die Schiffe werden aber weiter in See stechen. Der Sprecher der Organisaton Sea-Eye, Gorden Isler, gibt sich gegenüber »nd« zuversichtlich: »Ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Seenotrettungsverein älter werden, als die aktuelle italienische Regierung.«

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