Für Macron gibt es Jobs an jeder Straßenecke

Warum der Rat von Frankreichs Präsidenten an einen arbeitlosen Gärtner für Empörung sorgt

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 2 Min.

Das Bildungsbürgertum neigt leider oft dazu, soziale Schieflagen in der Gesellschaft als individuelles Problem darzustellen. Du bist arbeitslos? Selbst schuld! Der Ärztesohn und französische Präsident Emmanuel Macron hat dieser Tage erkennen lassen, dass auch er in einem Anflug von Überheblichkeit strukturelle ökonomische Defizite mit der angeblichen Faulheit des Einzelnen verwechselt.

Zum Tag der offenen Tür im Élyséepalast gab der amtierende Hausherr dem arbeitslosen Gärtner Jonathan Jahan den Tipp, er müsse nur in ein x-beliebiges Hotel, Café oder Restaurant gehen, und schon habe er eine neue Beschäftigung. »Wenn ich über die Straße gehen würde, würde ich Ihnen einen (Job) finden«, so Macron. Das Gespräch vom vergangenen Sonntag ist auf Video festgehalten und sorgt im Internet für Empörung. Macrons kleiner Sozialberatungsdienst endet mit der Aufforderung: »Also los«. »Verstanden, danke«, antwortet der sichtlich verdutzt wirkende Jahan.

Am Dienstag nun äußerte sich der 25-Jährige im Interview mit dem Radiosender Europe 1, was er dem Präsidenten rückblickend hätte am liebsten antworten wollen: »Ich hatte Lust, ihm zu sagen: Wenn das so ist, kommen Sie mit mir und helfen Sie mir suchen.«

Rückblickend wird klar, warum Macron dem arbeitslosen jungen Mann lieber zu einer fachfremden Hilfskraft auf Mindestlohnbasis in der Gastronomie degradieren wollte, statt ihm zu einem Job entsprechend seiner Qualifikation zu verhelfen. Der Präsident des französischen Gartenbauverbands, François Félix, erklärte auf Nachfrage, die Situation in der Branche sei angespannt. So seien in den letzten Jahren 5000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Glück im Unglück gibt es für den arbeitslosen Gärtner: Laut Félix seien bei ihm Stellenangebote für Jahan eingegangen. Dies sei allerdings »sehr ungewöhnlich« und ein Einzelfall.

In Frankreich lag die Arbeitslosigkeit im Juli übrigens bei EU-weit überdurchschnittlichen 9,2 Prozent. Da braucht es schon etwas mehr als den Ratschlag, auf der gegenüberliegenden Straßenseite einfach mal höflich nach einen Job zu fragen.

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