Wer oder was ist authentischer?

»Die Parallelwelt« von Kay Voges leuchtet die Dimensionen menschlicher Existenz aus

Der Theaterabend, der historisch werden sollte, begann als Posse. Als das Publikum im Berliner Ensemble und im Theater Dortmund die jeweiligen Plätze einnahm, waren die Kameras bereits in beide Zuschauerräume gerichtet und auch die Datenverbindung stand. Berliner Theaterbesucher blickten in Dortmunder Gesichter, beide Seiten in der Erwartung, jetzt eine gemeinsame Erfahrung zu machen.

Kay Voges’ in Berlin und Dortmund zeitgleich aufgeführtes Stück »Die Parallelwelt« leuchtet die Dimensionen menschlicher Existenz anhand der Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik aus. Sie sollte sich auf der eigenen Bühne und jener in einer anderen Stadt in parallelen Handlungssträngen entwickeln. Sie sollte gemeinsam beobachtet werden, über das Geschehen im Theaterraum vor Ort und über die Übertragung der Vorstellung auf der anderen Bühne mittels einer großen Leinwand. Bevor diese schauspielerische »Parallelwelt« begann, bauten Zuschauer bereits die ihre. Einige in Kamerareichweite sitzende Menschen reckten plötzlich die Arme in die Höhe und winkten ihnen kilometerweit entfernten Menschen im anderen Saal via Datenverbindung zu, und diese winkten zurück. Es entwickelten sich gar eigenständige, verblüffende Winkchoreografien.

Regisseur Kay Voges und sein Team hatten ein neues kollektives Spiel entwickelt, und keiner der ersten öffentlichen Bediener wusste so recht, wohin dies führe, was er damit anfangen sollte.

Man fühlte sich in die Anfangszeit großer technischer Erfindungen zurückversetzt. Etwa an die ersten Worte, die der Erfinder des Telefons, Alexander Bell, in die Muschel sprach. »Mr. Watson, kommen Sie her. Ich will sie sehen«, bat er seinen in einem anderen Raum befindlichen Assistenten. Oder an die ersten Zeichen, die ins ARPA-Net, den Vorläufer des Internets, gingen. Die Buchstaben L und O waren es, ein erster gescheiterter LOGIN-Versuch. Oder an das erste Objekt, das jemals über ebay verkauft wurde, damals noch unter dem Namen Auctionweb: Es handelte sich um einen kaputten Laserpointer, gekauft von einem Sammler kaputter Laserpointer.

Das also war der banale Beginn eines avantgardistischen Experiments. Danach ging es in Berlin und Dortmund um große Fragen. Um Leben und Tod. Und darum, ob jeder und jede einzelne einmalig ist oder ob es prinzipiell unendlich viele Varianten von uns gibt, zeitgleich, aber andernorts, mit unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten und Lebenswegverzweigungen, in allen Altersstufen auch. Das führt erst zur Verwirrung, zum Konflikt, als das Brautpaar in Berlin mit dem Brautpaar in Dortmund darüber stritt, wer denn echter, authentischer, wahrer sei, wer bloßer Hintergrund und wer Vordergrund darstelle.

Die Vorstellung der Vielheit der eigenen Existenz kann aber auch Druck nehmen, kann das Arbeiten an der eigenen Eigenheit weniger anstrengend machen. Welchen Schluss zieht jeder, zieht jede aus dem Wissen, potenziell unendlich zu existieren? Und was macht man, wenn plötzlich der Kontakt zu einer Parallelwelt da ist? Wenn die Geister, die man vorher nur spürte, sich plötzlich materialisieren?

Voges entwickelte interessante narrative Strategien zur Einbettung dieser Gedanken. In der parallel ablaufenden Geburts- und Sterbeszene des Protagonisten Fred - man sieht, wie er in Berlin geboren wird und dann in Dortmund stirbt - hat die gebärende Mutter erste Ahnungen von der anderen Welt. Nach der Hochzeit, der konflikthaften Begegnung beider Paare, verläuft deren weiterer Lebensweg in beiden Städten denn auch anders als zuvor. Das Altern erfolgt verschieden. Die Räume sind stets gefüllt mit den Schauspielern unterschiedlichen Lebensalters, diverser Lebensabschnitte.

Ein wenig kann man Voges vorwerfen, bei seiner Installation aus drei Videoräumen und einem Spielraum, der zeitweise auch von einer Leinwand verhängt wurde, zu wenig auf die Kraft des Theaters gesetzt zu haben und zu viel auf, gelegentlich auch selbstverliebt wirkendes, Livevideospiel. Dennoch kreierte er eine neue Art Dramatik, in der Leben und Tod Varianten sind und nicht mehr Höhe- oder Tiefpunkt. Es ist zudem ein Theater, das - mit 100 Jahren Verspätung zwar, aber immerhin - endlich die Auswirkungen, die die Entdeckungen der Physik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts auf unser Bewusstsein haben, zu erkunden versucht. Ein echte Pioniertat also. Theater für Zeitgenossen.

Wieder am 20.9., 19.30 Uhr

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