Dorfpunk 2.0

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 2 Min.

»Brandenburg muss brennen, damit wir grillen können« lautet der zackige Titel des teilweise autobiografischen Zweitwerks von Florian Ludwig.

Endlich mal wieder ein Autor, der schon im Knast gesessen hat, in seinem Fall wegen des Flambierens von Bundeswehrkutschen.

Meistens jedoch hatte er im heimatlichen Rathenow der 90er Jahre als Punk vor allem Ärger mit den Ex-Mitschülern, aus denen Rechte geworden waren. Höhepunkte waren Ausflüge ins nahe Berlin. Irgendwann blieb er dort hängen, schrieb für Zeitschriften wie »Telegraph« oder »Saufen aktuell«, ohne dabei zum Berlin-Erklärer zu mutieren. Geht er auf eine Demo, skandiert er an seine Genossen gerichtet: »Du hast nen Studienabschluss, ich geh zum Fußball!« Niemand schreit mit.

In Ludwigs Episodenroman wird aber nicht gejammert. Der Zahnlückendarsteller heißt Sensodyne-Sven, und auch der Pfandflaschenselbstständige hat etwas zu lachen. Und wenn einem als FC St.-Pauli-Sympathisanten mit Stahlkappenschuhen vor dem Berliner Olympiastadion der Zutritt verwehrt wird, gerät man eben im nächsten Vorort in eine Hausbesetzung, wo des Vaters Ex-Fahrzeug in Flammen aufgeht. Waren bei Annette Berr einst nachts alle Katzen breit, sind bei Florian Ludwig auch tagsüber alle Glatzen blau. Zur Deeskalation genügt oft ein guter Spruch aus der Umlandschnauze: »Deine Familie stirbt nächste Woche, stand heute in der Zeitung.«

Wenn aus »Bild« etwas Blut heraustropfen soll, rieselt aus Ludwigs Buch ein wenig märkischer Sand. Andreas Gläser

Florian Ludwig: Brandenburg muss brennen, damit wir grillen können. Satyr Verlag, 184 S. brosch., 14 €.

Buchvorstellung an diesem Donnerstag um 20 Uhr im Baiz, Schönhauser Allee 26 A, Prenzlauer Berg.

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