Für eine kritische Theorie des Südens

Der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos nimmt Alternativen zum westlichen Denken in den Blick

  • Tobias Lambert
  • Lesedauer: 3 Min.

Die interessantesten linken Kämpfe der vergangenen Jahrzehnte fanden nicht im Norden oder Westen, sondern im Globalen Süden statt. Und in der Regel gingen sie nicht von Parteien, Gewerkschaften oder bewaffneten Guerillas aus. Vielmehr waren es Frauen, Indigene, Erwerbslose und andere strukturell benachteiligte Gruppen, die in Graswurzelbewegungen, Versammlungen oder mittels Besetzungen öffentlicher Plätze gegen den Kapitalismus mobilisierten.

Die in Europa entstandene kritische Theorie kann diese neuen Bewegungen nur schlecht einordnen und erklären, schreibt der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos. In seinem jüngst in deutscher Übersetzung erschienenen Buch »Epistemologien des Südens« wirft er der westlichen Denktradition vor, sich erschöpft zu haben, und fragt: »Wenn es so viel zu kritisieren gibt, warum ist es dann so schwierig geworden, überzeugende, weitgehend geteilte, wirkmächtige, kritische Theorien hervorzubringen?« Während der Marxismus früher in der Lage gewesen sei, eine alternative Zukunft zu artikulieren, die sich mit einer oppositionellen Lebensart in der Gegenwart verbinden ließ, fehle heute die Vorstellung von einer anderen Gesellschaft.

Aus seiner Kritik heraus fordert de Sousa Santos nicht weniger als einen Bruch mit dem vorherrschenden eurozentristischen Denken. Er stellt den universellen Anspruch westlicher Theorie radikal infrage und zeigt die Verlockungen und Notwendigkeit eines Perspektivwechsels auf, in dem die Wissensproduktionen des Globalen Südens als gleichwertig anerkannt sind. Eine Theorie müsse auf den Erfahrungen marginalisierter Bevölkerungsgruppen basieren und deren Kämpfe stärken. Ohne kognitive Gerechtigkeit sei die Verwirklichung globaler sozialer Gerechtigkeit schlicht nicht möglich. Und um »das linke Denken und die linke Praxis zu dekolonisieren«, reiche es nicht aus, nur Alternativen zu formulieren. Stattdessen brauche es ein »alternatives Denken über Alternativen«, Intellektuelle müssten »verlernen und neuerfinden«. Die westliche kritische Theorie »vollständig auszurangieren«, sei jedoch nicht das Ziel, sondern, »einen interkulturellen Dialog zu begründen und die Übersetzung verschiedener kritischer Wissensarten und Praktiken zu fördern«.

Im Original 2014 erschienen, ist de Sousa Santos’ Buch deutlich von den Erfahrungen linker Bewegungen und Transformationsprozesse beeinflusst, die Lateinamerika in den 1990er und 2000er Jahren prägten. Die Fundamentalkritik des Autors an der kritischen Theorie mag manchmal etwas zu pauschal wirken. Doch fordert er zur Reflexion althergebrachter linker Überzeugungen auf, die überfällig ist, auch wenn sie zumindest in Teilen der Linken längst zur Praxis gehört. Ganz in der Tradition der kritischen Theorie bedient sich de Sousa Santos allerdings eines durch und durch akademischen Duktus, der den Kreis der Leserschaft von vornherein eingrenzen dürfte. Dem Autor ist das selbst durchaus bewusst, seine eigene Rolle als »intellektueller Aktivist« reflektiert er ständig. Gleich zu Beginn gesteht er sich denn auch ein, sein Buch werde wohl nicht von denen gelesen werden, auf deren Ideen er sich bezieht, sondern von jenen, »die es am wenigsten benötigen«. Aber wenn sein Ansatz zumindest an den Universitäten des Nordens diskutiert würde, wäre das auch schon eine Bereicherung.

Boaventura de Sousa Santos: Epistemologien des Südens: Gegen die Hegemonie des westlichen Denkens. Aus dem Englischen von Felix Schüring, Unrast-Verlag, Münster 2018, 384 Seiten, 24 Euro.

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