Bürgerliches Bauerntheater

Alban Bergs »Wozzeck« an der Deutschen Oper in Berlin

  • Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer nach Skandinavien in den Urlaub fährt, hat den Lebensabend meist schon beendet. So auch Wozzeck, der sich in seiner Umnachtung am norwegischen Nationalfeiertag, dem 17. Mai, wiederfindet. Was Regisseur Ole Anders Tandbergs Heimatland in dieser Inszenierung zu suchen hat und was dieser selbstreferenzielle Kokolores den Zuschauern an der Deutschen Oper zu Berlin zu sagen hat, das weiß der Mann wohl nur selbst. Die zahlenden Gäste lernen: An diesem Tag sind alle besoffen, tragen weiße Schiebermützen und wehen mit Fähnchen. Finito.

Mehr nimmt man aus eineindreiviertel Stunden Aufführung des vielleicht wichtigsten Singstücks der Moderne nicht mit. Alban Bergs »Wozzeck«, das sich am Büchner-Stück über die ersten Sprossen der Zwölftonmusik entlanghangelt, hat man in der Deutschen Oper Berlin zur ersten Premiere der Saison 2018/19 auserkoren. Bergs 1921 entstandenes und 1925 uraufgeführtes Werk wurde trotz seiner Radikalität nach dem Zweiten Weltkrieg zum globalen Erfolg, auch unter scharfen Kritikern des »Atonalen«. Intensive Musik über intensiven Stoff. Dass Tandberg die Fragmentvorlage jemals gelesen hat, behauptet er im Programmheft: »... schließlich habe ich im Alter von 19 Jahren selbst als Woyzeck auf der Bühne gestanden. Das war zwar nur in einer Schulaufführung und ohne jede Kenntnis professioneller Schauspielkunst, aber vielleicht war deshalb meine Auseinandersetzung mit der Titelfigur umso intensiver.«

40 Jahre später scheint das Pennälertum doch nicht überwunden, was sich nicht nur an der ständigen Unterrichtssituation im Bühnenbild ablesen lässt. Es herrschen die 1960er-Jahre, schicke Neonröhren und hübsche Einzeltischchen in Kantinenatmosphäre, staatlich geprüfte Raumausstattung statt künstlerische Raumgestaltung. Schöne Möbel, teure Fliesen. Man kennt das von der Oper, das Publikum ist kaufkräftig bezüglich Antiquitäten.

Vorhang auf, der Hauptmann in Paradeuniform auf einem ausgestopften Pferd, der Wozzeck im blauen Anzug. Szene aus: Eindrückliche Frontalaufnahme von Wozzecks Gesicht. Szene zwei: Wieder irgendwas im Anzug und Neonröhren und Tischchen. Szene aus: Eindrückliche Frontalaufnahme von Wozzecks Gesicht. Immerfort in diesem Rhythmus flicht sich die ideenlose Langeweile durchs Gebälk aller anwesenden Gehirne. Irgendwann tanzen Nackte und der Chor trägt ulkige Sonnenbrillen. Johan Reuter (Wozzeck) und Elena Zhidkova (Marie) singen technisch hervorragend, dürfen aber nur im Rahmen komödiantischer Überzeichnung emotional werden. Schizophrenie, Demütigung, Armut - alles Slapstick. Am Schlimmsten ist das beim US-Amerikaner Seth Carico, der den skrupellosen Quacksalber mit einer schunkelhaften Dämlichkeit ausstattet, die nur noch von den schlecht gemachten Computergraphiken übertroffen wird. CGI-Lurche in Vektorkreisen. Lediglich Burkhard Ulrich gelingt es, seinen Hauptmann mit dem einzigen Fünkchen glaubwürdigen Irrwitzes auszustatten. Das schafft er vor allem mit entgleitenden Gesichtszügen und ebenso entgleitender Stimme.

Und so muss es sein. Ein bisschen Mut zur Schiefheit! Der Wahnsinn ist kein Zuckerlecken! Nur dann lugt der »Woyzeck« kurz ums Eck, er hat mit dem bürgerlichen Bauerntheater Tandbergs nichts gemein. Die Annahme, sich den Zuschauern gegenüber jovial geben zu müssen, weil man voraussetzt, dass sie dieses Stück bereits in seiner Vorlage nicht verstehen, ist nicht weniger als beleidigend. Die Leute können lesen; sogar Büchners hessisches Geschwurbel!

Musikalisch in der Umsetzung dieselbe Handreichung. Donald Runnicles lässt sein Orchester dudeln, nicht ackern. Der Chor sabbelt irgendwas, der Kinderchor auch. Am Ende stirbt Marie mit ganz viel Kunstblut, der Wozzeck schneidet sich die Pulsadern auf und im Hintergrund ziehen rote Wolken über den beschränkten Horizont. Diese Inszenierung ist so plump, dass sie in Fettnäpfchen tritt, die andere höchstens absichtlich in den Raum stellen. Wieso ist der »Narr« einfach ein Mann in Frauenkleidern? Ist Travestie noch immer ein Altherrenwitz? Noch eine Szene aus: Eindrückliche Frontalaufnahme von Wozzecks Gesicht.

Dann Dunkelheit, die Geprellten wissen nicht ob sie jetzt klatschen dürfen/sollen/müssen. Tun es trotzdem, gleichmäßig wohlwollend, weil Freitagabend ist und der Sekt so teuer war, die Eintrittskarten waren es eh. Ein vernünftiges Publikum hätte an einem Dienstag die Sitze angezündet.

Nächste Aufführungen:10., 13., 19. Oktober.

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