Schießereien in den Armenvierteln

In US-Großstädten, die vom Aufschwung nicht profitieren, wächst die Gewaltkriminalität

  • John Dyer, Boston
  • Lesedauer: 4 Min.

Baltimore hat die Fernsehserie »The Wire« über Kriminalität und Drogenhandel in einer »postindustriellen Stadt« inspiriert. Kürzlich »gewann« die Stadt die Auszeichnung als gefährlichste Stadt der Vereinigten Staaten. Laut einer aktuellen Statistik der Bundespolizei FBI hatte Baltimore im vergangenen Jahr die höchste Mordrate unter den 50 größten US-Städten und die zweithöchste bei Gewaltverbrechen. Dennoch enthielt die Statistik ein wenig Hoffnung: In diesem Jahr gab es bisher 16 Prozent weniger Morde, insgesamt 216 Fälle. »Unsere Bemühungen zur Reduzierung von Gewaltkriminalität führen zu klaren Ergebnissen«, erklärte die demokratische Bürgermeisterin Catherine Pugh. »Die Kriminalität nimmt in jeder Kategorie ab.«

Überschattet werden diese Erfolge durch eine Schießerei in West-Baltimore, bei der kürzlich mindestens 20 Schüsse abgefeuert wurden. »Verdächtiger tot, Polizist verwundet in einer Schießerei, die wie ein Krieg klang«, berichtete der rechte Nachrichtensender »Fox News« in gewohnt reißerischer Art.

»Wir sind nicht zufrieden und entschlossen, Kriminalität und Gewalt viel mehr zu reduzieren«, räumte auch Bürgermeisterin Pugh ein. »Ein jeder Mord ist ein Mord zu viel. Aber ich bin überzeugt, dass wir durch die Bekämpfung der Ursachen, die zu Hoffnungslosigkeit und schließlich zu kriminellen Aktivitäten führen, Baltimore für alle Einwohner sicherer machen werden.«

Die nahe der Hauptstadt Washington im Bundesstaat Maryland gelegene Hafenstadt an der Ostküste war im Jahr 2015 nach dem Tod des 25-jährigen Afroamerikaners Freddie Gray in Polizeigewahrsam Schauplatz massiver Unruhen. Die Proteste spiegelten die Wut über Polizeitaktiken wider, aber auch die Frustration darüber, dass die Stadt und die dortigen Unternehmen zwar einige Teile wie die Gegend um den Binnenhafen für die meist weißen Touristen herausgeputzt haben, aber die armen Viertel vernachlässigt wurden.

Insgesamt verzeichnen wohlhabende Großstädte wie New York, Boston, San Francisco und Washington laut FBI-Statistik seit Jahren starke Rückgänge bei der Kriminalität, einschließlich der Gewaltkriminalität. Das gilt nicht für Städte, die weniger vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert haben.

Chicago gilt zwar im Durchschnitt als wohlhabend, doch auch hier ist die Gewalt hoch. Kürzlich wurden 31 Personen durch Kugeln verletzt und zwei getötet, als Schützen auf Passanten feuerten, die gerade nach Hause gingen, auf ihren Fahrrädern vorbeifuhren, im Auto an einer Ampel hielten oder sogar in ihren Wohnzimmern saßen. Hintergrund soll ein Bandenkrieg gewesen sein. Auch in der drittgrößten Stadt der USA sind Teile wie die Innenstadt in den letzten Jahren aufgeblüht, da viel Kapital hierher geflossen ist. Aber die Bewohner vieler abgelegener Viertel Chicagos, in denen vor allem schwarze und lateinamerikanische Familien leben, haben seit Jahrzehnten keinen Lohnanstieg mehr erlebt. Viele haben sich an Schulden und Einnahmen auf halb legalem oder illegalem Wege gewöhnt. Die Flut von Schießereien in ihrer Nachbarschaft verschlimmert die Situation noch.

Der demokratische Bürgermeister von Chicago, Rahm Emanuel, einst Stabschef des Weißen Hauses unter Barack Obama, stellt sich in diesem Jahr nicht zur Wiederwahl. Er entschied sich vor allem deshalb dafür, weil er wusste, dass seine Gegner im Wahlkampf damit punkten könnten, dass er das Problem der Waffengewalt in der Stadt nicht in den Griff bekommen hat.

Es geht indes nicht nur um Großstädte. Auch kleinere, ärmere Städte sehen Spitzenwerte bei der Waffengewalt. Anfang dieses Monats eröffnete ein Mann das Feuer in der Lobby eines Bankhochhauses in Cincinnati während der Hauptarbeitszeit, tötete drei Menschen und verletzte zwei weitere, bevor er von der Polizei erschossen wurde. »Er hätte über 100 Menschen töten können«, sagte der örtliche Staatsanwalt Joe Deters mit Verweis auf die Hunderte Schuss Munition, die der Schütze bei sich trug.

Der Zusammenhang von Armut und Waffengewalt lässt sich anhand von offiziellen Daten belegen. So lag die Armutsquote in Baltimore nach Angaben der US-Statistikbehörde 2017 bei rund 24 Prozent - im US-Durchschnitt sind es 13 Prozent. In Cincinnati betrug sie sogar 27,7 Prozent, was einem Anstieg um 4,2 Prozentpunkte gegenüber 2007 entspricht. Der Anteil im wohlhabenden Chicago lag zwar bei weniger als zwölf, aber in den armen Vierteln, die im Süden und Westen der Stadt liegen, betragen die Armutsquoten laut Schätzungen 40 bis 60 Prozent.

Tara Noland, Chefin des Greenlight Fund Cincinnati, der die Stadt bei Familienprojekten unterstützt, kann es nicht fassen, dass die Armutsraten so stark zugenommen haben, obwohl die Stadt und die gesamte Region reicher geworden und hier auch wettbewerbsfähige Industrien entstanden sind. »Das unglaubliche Wachstum und die Gewinne, die unsere Stadt in den letzten Jahren erfahren hat, waren nicht für alle gleich. Viele unserer Nachbarn kämpfen jeden Tag aufs Neue hart«, sagt Noland.

Allerdings ist es nach wie vor selten, dass in den Vereinigten Staaten darüber diskutiert wird, wie einseitig die Vermögens- und Einkommensgewinne in letzter Zeit verteilt waren. Und so ist es auch kein Wunder, dass nur wenige Amerikaner den Anstieg der Armut mit den Schusswechseln in den gleichen Nachbarschaften in Verbindung bringen.

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