Noch atmet die Klinik

Eines der größten sozialen Zentren in Tschechien sollte am Wochenende geräumt werden

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 3 Min.

Das autonome soziale Zentrum »Klinika« in Prag besteht seit vier Jahren. Auf eigene Kosten haben Aktivist*innen den Komplex, zu dem ein Gebäude und ein Garten gehören, in ein kulturelles und soziales Zentrum verwandelt. Angeboten werden hier Sprachkurse für Flüchtlinge, Kleidertausch, Kino, Konzerte, »Universität für alle« und Essen für Menschen in Not – alles kostenlos. Ein Projekt, das in Tschechien in dieser Form einmalig ist.

In der Hauptstadt Prag gibt es sonst wenig Orte, an denen sich die Zivilgesellschaft trifft. Ein Grund, warum auch viele Nichtregierungsorganisationen beispielsweise aus der Flüchtlingshilfe in der »Klinika« beheimatet sind. Und das, obwohl die Wurzeln des Projektes eher in der anarchistischen Szene Prags zu finden sind.

Trotzdem soll das Gebäude nun zwangsgeräumt werden. Die staatliche Eisenbahngesellschaft SŽDC, der das Gebäude gehört, hat das durchgesetzt, obwohl die Hauptstadt Prag offiziell ihr Interesse an der Übernahme des Gebäudes und der Nutzung als soziales und kulturelles Zentrum bekundet hat. Seit Donnerstag, dem 10. Januar, wird versucht, das Gebäude zu räumen. Seit Donnerstag ist der Stadtteil Pague 3 im Norden der Stadt in Aufruhr. Unterstützer*innen haben sich vor dem Gebäude versammelt. Sie wollen die Räumung verhindern. Auf dem Dach haben sich Aktivisten verschanzt, sie wollen das soziale Zentrum nicht kampflos aufgeben.

»Es gibt für uns keine Gründe, das Haus zu verlassen. Im Falle einer Räumung wird das Gebäude für Monate oder Jahre leer stehen. Außerdem ist es mitten im Winter und es gibt Menschen im Haus, die sonst keinen Platz haben«, sagt Jakub Ort, ein Aktivist der »Klinika«.

Auch der Bürgermeister von Prag, Zdeněk Hřib (Piraten), sprach sich laut übereinstimmenden Medienberichten dafür aus, das Gebäude nicht räumen zu lassen. Trotzdem gelangten am Freitag Sicherheitskräfte in die »Klinika«, räumten Möbel und Einrichtungsgegenstände aus dem Gebäude.

Einfach hatte es das Projekt noch nie. Obwohl die »Klinika« von Anfang an eine Reihe von Anhänger*innen gewinnen konnte, ihr der Krieglova-Preises zuteil geworden ist, ein Preis, der von der Stiftung Charta 77 für bürgerliche Tapferkeit vergeben wird, war das soziale Zentrum vielen ein Dorn im Auge. Ministerpräsident Andrei Babiš von der rechten ANO-Partei sagte einst zu, das Gebäude den Aktivist*innen zu überlassen. Später änderte er seine Position. Aufgrund unterschiedlicher Positionen zur Flüchtlingspolitik, wie die Aktivist*innen der »Klinika« vermuten. Immer wieder drangen auch Neonazis in das bewohnte Haus ein.

In Prag gibt es 7000 leerstehende Häuser. Eins davon will das »Klinika«-Kollektiv als ein Sozial- und Kulturzentrum erhalten. Keine allzu vermessene Forderung, führt man sich vor Augen, mit welch schmallen Möglichkeiten die tschechische Zivilgesellschaft ausgestattet ist. Am Sonntag harrten immer noch Menschen auf dem Dach der Klinika aus, widersetzen sich der Räumung. Noch atmet die ehemalige Lungenklinik im Norden der tschechischen Hauptstadt.

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