Kunstpausen gegen das Relativieren

Im Thüringer Landtag wurde den Opfern des Holocaust gedacht. Die Art und Weise passte der AfD überhaupt nicht.

  • Von Sebastian Haak, Erfurt
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie Historiker das oft so tun, steht Götz Aly an diesem Freitag am Rednerpult und doziert. Der Mann mit dem schütteren weißen Haar berichtet von historischen Begebenheiten, erzählt Geschichten und zitiert immer wieder unter anderem, was sich in Tagebuchaufzeichnungen von Menschen finden lässt, die seit Jahrzehnten tot sind. Dann schlussfolgert er aus allem etwas. Etwas dazu, was all diese Begebenheiten, Geschichten und überlieferten Textpassagen für das Gedenken an den Holocaust, ja für die Welt heute bedeuten. Und jedes seiner Worte hallt plötzlich wie ein Hammerschlag durch den Thüringer Landtag in Erfurt. Auch, weil er an einigen Stellen Kunstpausen setzt.

Zum Beispiel dann, als er den Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke einen »rechtsradikalen Ideologen« nennt. Höcke sitzt da kaum zehn Meter von Aly entfernt.

Denn tatsächlich tut Aly an diesem Tag etwas, das häufig viel zu kurz kommt, wenn Jahr für Jahr Ende Januar an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland und Europa erinnert wird. Aly betrauert nicht nur all die Getöteten und all jene, die zwar die Gräueltaten der Nazis überlebt haben, die durch ihre leidvollen Erfahrungen aber für den Rest ihres Lebens gezeichnet waren und – sofern sie noch leben – sind. So, wie Thüringens Landtagspräsidentin Birgit Diezel (CDU) das getan hatte, als sie vor Aly an dem Rednerpult des Parlaments gestanden hatte. »Wir verneigen uns vor den Toten und nehmen Anteil am tiefen Schmerz der Überlebenden«, hatte Diezel gesagt.

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Aly erinnert in seinen Ausführungen vielmehr auch daran, dass die Verantwortlichen für all diese Schrecken nicht nur einige wenige Nazis waren. Sondern, dass ein Großteil der Deutschen, die in den 1930er und 1940er Jahre lebten, sich auf die eine oder andere Art und Weise an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligten. Manche aktiv, indem sie den Abzug einer Waffe betätigten, die auf einen Zivilisten gerichtet war. Andere passiv, weil sie Hitler und die NSDAP gewählt hatten.

Bis heute – und heute vielleicht wieder heftiger als in der Vergangenheit – werde all das in vielen Familien in Deutschland geleugnet oder schön geredet, argumentiert Aly. So hätten etwa 18 Millionen Männer zwischen 1939 und 1945 in der Wehrmacht gedient. »Weit überwiegend fühlten sich die Landser als Herrenmenschen«, sagt er. Selbst Menschen, die aus sozialistischen Elternhäusern stammten, seien im Laufe des Krieges von der NS-Ideologie durchdrungen worden, sagt Aly – und erzählt die Geschichte eines Feldwebels, dessen Vater unter den Nazis schnell seine Arbeit verloren hatte, weil er viel zu links dachte; der sich aber trotzdem als Wehrmachtssoldat im Osten nicht am Leid der Bevölkerung in den besetzen Gebieten störte, der in seinem Tagebuch gegen Menschen im Osten Europas hetzte. Bis er 1942 fiel.

Freilich ist es von diesen Ausführungen für Aly wie für alle anderen historisch denkenden Menschen im Landtag in diesen Augenblicken nur ein kurzer gedanklicher Weg bis hin zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Höcke und auch mit dem Bundesvorsitzenden der AfD, Alexander Gauland, der vor nicht allzu langer Zeit schwadroniert hatte, die Deutschen hätten das Recht, »stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen«.

Ali macht wieder eine Kunstpause, nachdem er auf diesen Satz Gaulands verwiesen hat. Dann sagt er: »Ich verspüre kein solches Bedürfnis.«

Noch später sagt er, wieder nach einer kleinen Kunstpause: »Nicht ausdenken, wenn die Deutschen, also wir, diesen Krieg gewonnen hätten.« Aly gilt zu Recht als einer der renommiertesten deutschen Historiker, der sich intensiv mit der Geschichte des Dritten Reichs und des Holocausts befasst hat.

Dass sowohl Höcke als auch die anderen AfD-Abgeordneten im Saal demonstrativ sitzen bleiben, als alle anderen Anwesenden sich schließlich zu stehendem Beifall für Aly erheben, ist deshalb nicht wirklich eine Überraschung. Ebenso wie es keine Überraschung ist, dass sich die AfD nach der Gedenkstunde in einer Mitteilung mal wieder zum Opfer stilisiert. »Aus Götz Aly sprachen heute Hass und Verachtung – nicht nur auf das eigene Volk, das in seinen kruden Vorstellungen zum Urheber der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mutiert, sondern auch auf alle, welche die Asyl- und Zuwanderungspolitik der etablierten Parteien nicht mittragen, insbesondere natürlich die AfD und einige von ihm namentlich angegriffene Abgeordnete«, heißt es dort.

Doch wirklich kümmert das niemanden im Saal, außer die AfD. Und auch nicht später auf dem ehemaligen Appellplatz der Gedenkstätte Buchenwald, wo wenige Stunden nach der Rede Alys im Landtag Kränze zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus niedergelegt werden – in Abwesenheit von AfD-Politikern. Die hatten erst gar nicht versucht, auf das Gelände zu kommen. Die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hatte zuvor erklärt, Politiker der AfD seien bei der Kranzniederlegung nicht willkommen – weil deren politische Überzeugungen zentrale Schlussfolgerungen aus dem Holocaust infrage stellten, wie es auf dem einstigen Appellplatz hieß.

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