Der Wundertäter aus Lippstadt

Wie Trainer Daniel Farke den Traditionsklub Norwich City in die Premiere League führte

  • Von Lucas Roignant
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Erfolgsgeschichte von Jürgen Klopp in England regt offensichtlich zur Nachahmung an. Daniel Farke aus Lippstadt hat den Zweitligisten Norwich City als Trainer zum Wiederaufstieg vor fünf Tagen in die erste englische Liga geführt und wird, wenn alles seinen normalen Lauf nimmt, bald der fünfte deutsche Trainer in der Geschichte der Premier League sein. Der 42-Jährige gilt manchen britischen Zeitungen sogar als Wundertäter.

Entgegen allen Erwartungen kehrt Norwich nach drei Jahren Abstinenz zurück in die Premier League - als Championship-Meister. Nach einem missratenen Saisonanfang mit drei Niederlagen aus fünf Spielen konnte Farkes Mannschaft die Konkurrenz souverän dominieren. Am vergangenen Wochenende sicherten sich die »Canaries« (Kanarienvögel) den ersten Platz in Liga zwei - durch ein 2:1 bei Aston Villa.

Eine Woche zuvor hatten die Kanarienvögel ihren Aufstieg mit einem Sieg gegen die Blackburn Rovers perfekt gemacht. Dem 42-jährige Daniel Farke gelang damit ausgerechnet in England der erste bedeutende Erfolg in seiner jungen Trainerkarriere - in Deutschland erfuhren die meisten Interessierten erst mit dem Aufstieg von Farkes Trainerkompetenz.

Als Spieler agierte Daniel Farke in den deutschen Ober- und Regionalligen, wo er die längste Zeit als Stürmer für SV Lippstadt 08 spielte. 2009 wurde er nach einem Karriereende mit nur 33 Jahren zunächst Sportdirektor bei dem westfälischen Oberligisten. Schon wenige Monate später übernahm er das Traineramt. 2015 verließ Farke nach sechs Jahren den Klub seines Herzens, um in der Regionalliga West Borussia Dortmunds zweite Mannschaft zu trainieren. Dort folgte er auf David Wagner, der vom englischen Zweitligisten Huddersfield Town verpflichtet worden war.

Bei der Borussia zeigte Farke schnell, was er kann. In seiner zweiten Saison führte er BVB II zum zweiten Platz in der Regionalliga. Schon 2017 ertönte auch für ihn der Ruf aus England: Norwich City fragte an und Farke sagte Ja - der Nobody aus der Regionalliga West wechselte zum Traditionsklub nach Ostengland. Norwich war ein Jahr zuvor aus der Premier League abgestiegen.

Anfangs sah es nach einem Missverständnis aus: Mit den Kanarienvögeln erreichte Farke nur den 14. Platz. Doch schon in der folgenden Spielzeit gelang das Fußballmärchen. Der Trainer, der vor zwei Jahren noch Amateure trainiert und als Profi nie den Durchbruch geschafft hatte, führte Norwich City wieder in die Premier League. Er machte sich so einen Namen - in der Fremde. Eine Besonderheit, die für Farke kein Zeichen von Misserfolg im eigenen Land ist, ganz im Gegenteil: »Die deutsche Trainerausbildung ist einfach gut. Sie ist international auf einem Topniveau angesiedelt und wird sehr, sehr hochklassig bewertet«, sagte der 42-jährige Trainer gegenüber der »Neuen Ruhr Zeitung«.

Wenn es sich die Kluboberen in Norwich nicht anders überlegen, wird Farke schon bald Spitzentrainern wie Pep Guardiola oder Mauricio Pochettino begegnen - und seinem Landsmann Jürgen Klopp. »Natürlich ist der Erfolg von Jürgen Klopp ein Türöffner. Er zeigt, dass ein deutscher Trainer einfach sehr gute Arbeit abliefert«, sagte Norwichs Coach, dessen Laufbahn bisher allerdings weniger der von Klopp als vielmehr der von David Wagner bei Huddersfield glich: Ein relativ junger, in Deutschland fast unbekannter Trainer schafft mit einem bescheidenen Kader den Aufstieg in die Premier League.

Kurios: Von den fünf deutschen Trainern in der Premier-League-Geschichte haben vier eine BVB-Vergangenheit. Nach dem Scheitern des Vorreiters Felix Magath 2014, der mit Fulham nicht die Klasse halten konnte, kamen Jürgen Klopp und David Wagner 2015 direkt aus Dortmund auf die Insel. Der vierte Deutsche, der es in den englischen Profifußball schaffte, ist Jan Siewert, der wiederum einst Farke auf der Bank des BVB II beerbt hatte und derzeit als Trainer beim bereits als Absteiger feststehenden Huddersfield Town engagiert ist. Siewert hatte das Traineramt bei Huddersfield im Januar nach Wagners Abgang übernommen - fast ein Dortmunder Zirkelschluss.

Wohl wegen seiner BVB-Vergangenheit verwirklichte Farke bei Norwich eine auf Ballbesitz basierte Philosophie, die perfekt zu seinen Spielern passte. Der Trainer aus Deutschland verfügte dabei in dieser Saison über nicht weniger als zehn Spieler, die bereits in deutschen Klubs gespielt hatten. Unter ihnen zum Beispiel der Finne Teemu Pukki, der Ex-Schalke-Stürmer, der mit 29 Treffern Torschützenkönig der zweiten Liga und zudem zum Spieler der Saison gewählt wurde. Oder der ehemalige Dortmunder Moritz Leitner, der 2018 in die zweite englische Liga gewechselt war, um seine Karriere in Schwung zu bringen. Auch Spieler wie Mario Vrančić, Marco Stiepermann und Timm Klose wirkten am Aufstieg mit - eine kleine deutschsprachige Kolonie in Ostengland, zu der auch Felix Passlack (früher BVB), Christoph Zimmermann (ehemals BVB II unter Farke), Onel Hernandez (einst Braunschweig) und Dennis Srebny (früher BFC Dynamo) gehören.

Farke setzte erfolgreich auf Spieler, die eine zweite Chance suchten und daher den Verein fast nichts kosteten: Eine Strategie, die Norwich City angesichts seiner schweren Finanzlage nach all den den Auf- und Abstiegen äußerst gelegen kam. Dank Farkes Arbeit sind die Kanarienvögel nun wieder erstklassig und fliegen Richtung Premier League.

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