Tragödie am Evros

EU-Grenzfluss bleibt für Flüchtlinge lebensgefährlich

  • Carolin Philipp, Athen
  • Lesedauer: 3 Min.

Ende Februar kündigte der türkische Präsident Erdoğan an, Menschen auf dem Weg nach Europa nicht mehr aufhalten zu wollen. Damit sollte die EU genötigt werden, die Militäroffensive der Türkei in Syrien zu unterstützen. Wenig später versuchen Tausende, über den nordgriechischen Grenzfluss Evros zu gelangen. Griechenlands Entwicklungsminister Adonis Georgiadis spricht von einer »organisierten Invasion«. Die Spannung an der Grenze wird zum dominierenden Thema griechischer Medien, die Menschen auf der anderen Seite werden als bedrohlich dargestellt.

Anfang März halten sich dort etwa 13 000 Flüchtlinge auf. Die griechische Menschenrechtsorganisation Human Rights 360º berichtet von illegalen Push-backs. Und von zwei Toten: Mohammad elArabi aus Syrien und Mohammad Gulzar aus Pakistan. Der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas tut das als »fake news« und »türkische Propaganda« ab. Mitte März verdrängt die Coronakrise das Thema aus den Schlagzeilen.

Doch eine kürzlich von Forensic Architecture, Bellingcat und Lighthouse Reports in Zusammenarbeit mit Human Rights 360º und dem Magazin »Spiegel« veröffentlichte Recherche zum Todesfall Gulzar bringt nun die Regierung in Athen in Bedrängnis. Demnach sollen Soldaten Anfang März neben Platzpatronen auch scharfe Munition verwendet, und damit Menschen verletzt und getötet haben.

Am Morgen des 4. März hatte Mohammad Gulzar an der Grenze ein Schuss getroffen; am selben Tag erlag er in einem türkischen Krankenhaus seinen Verletzungen. Die Rechercheteams ermittelten, dass an diesem Tag 6 weitere Personen verletzt wurden. Gulzar hatte bereits mehrere Jahre in Griechenland gelebt und auch bei der Soli-Initiative City Plaza Hotel in Athen mitgewirkt. Nach seiner Heirat in Pakistan wollte er nun mit seiner Frau zurückkehren. Um zu rekonstruieren, wo sich Gulzar und griechische und türkische Militärs zum Tatzeitpunkt aufhielten, wurden umfangreich Videos und andere Daten von Smartphones ausgewertet. Die Autopsie stellte fest, dass Gulzar von einem Projektil mit dem Kaliber 5,56 mm getroffen wurde. Das stimmt mit Waffen überein, wie sie griechische Soldaten an dem Tag mit sich führten, wie Aufnahmen des griechischen Fernsehens belegen. Die Schüsse kamen laut Bericht mit hoher Wahrscheinlichkeit von der griechischen Seite. Im Gespräch führt ein Mitglied von Forensic Architecture für diese These an: »Die türkischen Militärs waren zu weit entfernt. Wir haben über hundert Videos von diesem Morgen analysiert und auf keinem sind türkische Soldaten zu sehen.«

Die griechische Regierung weist jede Verantwortung von sich. Sie sieht keine Beweise dafür, »dass die Aktionen der griechischen Sicherheitskräfte zum Verlust von Leben führten.« Für Eleni Takou von Human Rights 360º hingegen sind Menschenrechtsverletzungen an der Evros-Grenze altbekannt. Seit Jahren erhalte sie dazu Berichte. Die Opfer würden von der Öffentlichkeit jedoch »als Kollateralschaden wahrgenommen«. Vorherrschende Logik sei: »Uns Europäern droht eine Invasion und da gibt es eben Tote.«

Mehr als 100 Europaparlamentarier von Grünen, Sozialdemokraten, Linken und Liberalen fordern jetzt eine Untersuchung der Vorkommnisse durch einen Ausschuss des europäischen Parlaments.

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