Darfs noch eine Scheibe Dreistigkeit mehr sein?

Stephan Fischer zum erneuten Corona-Ausbruch in einem Schlachthof in NRW

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

Man könnte diesen Kommentar sehr kurzfassen – allerdings ist dies nicht gerade die Stärke des Kommentators. Schauen Sie sich das Bild an, das ein Schild auf dem Dach eines Tönnies-Schlachthof zeigt. Und jetzt gleichen Sie dieses Bild mit jenen ab, die Sie aus Schlachthöfen und Ställen in der »Fleischindustrie« kennen – mit dem Wissen, dass diese in vielen Fällen auch noch geschönt sind.

Der Mensch ist zu unglaublich vielen gedanklichen und emotionalen Verrenkungen fähig. Die Dissonanz zwischen beiden Bildern auszuhalten und weiter genussvoll ins fleischliche Grillgut zu beißen, scheint mir eine – ganz wertfrei formuliert– ziemlich große Überwindung von Widersprüchen zu erfordern. Natürlich macht sich nicht jeder Gedanken und natürlich, man muss es ja jedes Mal schreiben, soll nicht jeder zum Denken gezwungen werden und schon gar nicht zur Änderung seiner Essgewohnheiten. Es ist nur so: Rational scheint die Sache ziemlich klar. Auf der einen Seite stehen Argumente wie Tierleid und Tierquälerei; die Klimabilanz der massenhaften Fleischproduktion ist verheerend, Wasser und Böden werden verseucht; wie mit den Arbeitern umgegangen wird, kann jeder sehen der will; und ob man sich als Konsument neben tierischen Fasern auch noch gesund mit Antibiotika versorgen muss, die eigentlich als letzte Reserve und Verteidigungslinie gedacht sind, nun ja.

Auf der anderen Seite steht: Es schmeckt mir aber so gut.

Zu welcher Entscheidung die Abwägung am Ende führt, muss und soll jeder selbst entscheiden, es finden sich bestimmt auch diverse Hilfskonstruktionen, um das Geschmacksargument zu stärken: Die Nährstoffe! Vitamin B12! Man selbst kauft nur bio und kennt jedes Stück Fleisch beim Namen, dem ihn der Hausschlachter des Vertrauens gegeben hat. (Etwas zu essen, das vorher einen von Menschen verliehenen Namen hatte, erfordert dann eine noch stärkere Verdrängung und Verrenkung, versuchen Sie das mal Kindern zu erklären, aber vielleicht entschädigt ja das Bärchengesicht auf der Wurstscheibe). Natürlich, man kann auch den Zug an einer Zigarette rechtfertigen, weil man damit ja auch ein bisschen Sauerstoff in die Lunge zieht und Sauerstoff ist schließlich lebensnotwendig. Oder die Wohnung abfackeln, weil einem gerade kalt ist. Oder einen vergifteten Apfel essen - da ist schließlich Vitamin C drin.

Das ist alles tausendmal durchgekaut, schon klar, und es soll, wie jetzt schon öfter geschrieben, wirklich jeder selbst entscheiden. Die Menschen kommen auf den unterschiedlichsten Wegen zu ihren Entscheidungen und Handlungen und das ist völlig in Ordnung. Kein Mensch ist perfekt und jeder Mensch hat seine Inkonsistenzen. Es gibt zum Beispiel rauchende Veganer - kann das ein Argument für das eigene Verhalten sein (»Weil der raucht, kann ich auch Wurst essen!«)? Aber auch das wäre immer noch die eigene Entscheidung, es muss jeder selbst mit seinen Begründungen zurechtkommen.

Ich kenne aber wirklich niemanden, der gerne, verzeihen Sie den Ausdruck, verarscht wird. Und zwar nicht auf klügere Art und Weise ausgetrickst, es gibt immer Menschen, die cleverer sind als man selbst, sondern auf die dümmste und dreisteste Art. So ein Schild samt lachenden Tieren auf einem Schlachthof scheint mir so eine Dummdreistigkeit. Das zeigt etwas, was es wirklich noch niemals und nirgendwo in einem Schlachthof gegeben hat - fröhliche Tiere. Und das weiß auch wirklich jeder. Wer das nicht weiß, dem kann man einen Schlachthof auch als extrem erfolgreiche Tierklinik verkaufen - nach der Behandlung ist bis jetzt noch jedes einzelne Tier nicht mehr krank gewesen.

Die Versuche, sich für den neuesten Ausbruch »zu entschuldigen« - man kann sich nicht entschuldigen, man kann nur darum bitten - beim gleichzeitigen Versuch, die Schuld schon wieder von sich zu schieben (das Virus hätten die Arbeiter bestimmt aus Rumänien und Bulgarien »mitgebracht« und man kann das unausgesprochene Vorurteil direkt mithören ) haben ungefähr das gleiche Niveau wie das Schild. Das zeigt zuletzt eines: Zu jedem, der sich solcherlei Dummdreistigkeiten erlaubt, gehören viele, die sich das ernsthaft anhören und zuschauen und das (todernste) Spiel mitspielen. Die Millionen Patienten in den Tierkliniken freuen sich darüber. Bestimmt.

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