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Aus allen Träumen gerissen

Schalke 04 steht nach dem Aus des umstrittenen Klubchefs Clemens Tönnies vor einer Zäsur

  • Andreas Morbach, Gelsenkirchen
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Verantwortlichen des FC Schalke 04 haben am Mittwoch viel über die gewaltigen Herausforderungen der näheren Zukunft und eine neue Bescheidenheit, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, gesprochen. Doch während dieser bemerkenswert schonungslosen Analyse des Status quo auf dem Berger Feld schwenkte der Fokus auch immer mal zurück zum Vortag, an dem Fleischproduzent Clemens Tönnies von seinem Posten als Aufsichtsratschef des Klubs zurückgetreten war - nach 19 Jahren an der Spitze des Gremiums.

Auch als Geschäftsmann steht Tönnies unter Druck. In seinem Unternehmen in Rheda-Wiedenbrück kam es jüngst zu massenhaften Infektionen mit dem Coronavirus, mehr als 1500 Mitarbeiter waren betroffen. Der 64-jährige Konzernchef steht als geschäftsführender Gesellschafter im Mittelpunkt der Kritik. Sein Neffe Robert Tönnies, 50-Prozent-Eigner der Firma, kritisierte unter anderem »unzumutbare Wohnverhältnisse« der Arbeiter und forderte die Geschäftsleitung und die verantwortlichen Beiratsmitglieder zum geschlossenen Rücktritt auf.

Auf Schalke hatten während des missratenen Saisonfinals der Königsblauen am vergangenen Sonnabend beim SC rund 1000 Fans des Revierklubs protestiert - unter anderem mit dem Banner »Unser Vorstand - ein sozialer und moralischer Flop!«. Enormer Gegenwind also, gerade für einen wie Clemens Tönnies.

Dessen Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins sei »eine Entwicklung über die letzten Tage« gewesen, stellte Alexander Jobst am Mittwoch wenig überraschend fest. Doch der Marketingvorstand des Bundesligisten machte zugleich deutlich: Entgegen anderer Verlautbarungen habe man Tönnies bei dessen Abgang keine Steine in den Weg gelegt. »Der Entschluss von Clemens Tönnies hat uns überrascht. Es gab aber weder meinerseits noch, glaube ich, von Jochen Überredungsabsichten«, betonte Jobst mit einem kurzen Seitenblick auf Sportvorstand Jochen Schneider.

Clemens Tönnies, so heißt es, wolle sich nun voll auf sein Unternehmen konzentrieren. Dessen vier Jahre älterer Bruder Bernd war am 1. Juli 1994 nach einer Nierentransplantation an den Folgen einer Lungeninfektion gestorben - nur fünf Monate, nachdem er von der Schalker Mitgliederversammlung zum Präsidenten gewählt worden war. Am Sterbebett seines Bruders soll Clemens Tönnies damals das Versprechen gegeben haben, sich nicht nur um dessen 1971 gegründete Fleischfabrik zu kümmern, in die er selbst 1982 eingestiegen war. Sondern auch um die Geschicke von Schalke.

Noch im selben Jahr wurde der gelernte Fleischtechniker Mitglied im Aufsichtsrat des Vereins. 2006 drängte er den mächtigen Schalke-Manager Rudi Assauer aus dem Amt - und zog im Januar 2007 den Gaskonzern Gazprom, an dem der russische Staat 50 Prozent plus eine Aktie hält, als Hauptsponsor an Land. Mit Russlands Präsident Wladimir Putin verbindet Tönnies, der im letzten Sommer mit einer rassistischen Äußerung über Afrikaner negativ auffiel, eine Freundschaft. Bei Besuchen brachte er in der Vergangenheit neben einem Schalke-Trikot auf speziellen Wunsch von Putin auch Eisbein nach Moskau mit.

An das gute Verhältnis der beiden Männer dachte nun wohl auch Alexander Jobst, als er mit Blick auf die frisch entstandene Lücke im Schalker Aufsichtsrat erwähnte: »Unsere Sponsoren stehen sehr stark an unserer Seite - unabhängig von Clemens Tönnies. Sie sind an Schalke 04 interessiert. Auch Gazprom hat das sofort signalisiert.« Das gelte aber zunächst nur bis zum Jahr 2022.

Bis auf Weiteres nicht mehr gilt hingegen das Selbstverständnis des Klubs, Saison für Saison das internationale Geschäft anzupeilen. Im Zeitraum von 2005 bis 2016 wurde dieses Ziel immerhin zehnmal erreicht, in den vergangenen vier Jahren jedoch nur noch einmal. »Da ist ein Trend erkennbar«, stellte Sportchef Schneider nüchtern fest. Und Vorstandskollege Jobst machte deutlich, dass die gewohnte Ausrichtung auf den Europapokal wegen der notwendigen Reduzierung des Personaletats erst einmal passé ist: »Wir müssen unsere sportlichen Ziele für die nächsten ein, zwei, vielleicht auch drei Jahre anpassen.«

Bei der Frage nach Schalkes vermeintlicher Beantragung einer NRW-Landesbürgschaft für Bankkredite von bis zu 40 Millionen Euro verwies Jobst auf die »Geheimhaltungspflicht«, erwähnte aber: »Das ist ein Instrument, dessen sich andere Vereine und andere Branchen, auch Schalke, in der Vergangenheit schon bedient haben.« Eine Ausgliederung des Profibereichs, den Tönnies nach dem Neustart der Bundesliga Mitte Mai ins Spiel gebracht hatte, ist laut Jobst aktuell noch kein Thema.

Denn einen Tag nach dem Rücktritt des Mannes, der den Verein fast zwei Jahrzehnte lang geführt hat, formulierte der Revierklub ein viel größeres Thema. »Der heutige Tag ist eine Zäsur für den FC Schalke 04. Ein ›Weiter so‹ wird es nicht geben«, betonte Jobst. Weitermachen darf dafür Chefcoach David Wagner, trotz einer einmaligen Sieglosserie von inzwischen 16 Spielen. Der Verein habe »totales Vertrauen« in das Trainerteam, beteuerte Schneider am Mittwoch. Klar sei allerdings auch: »Träumen dürfen wir nicht mehr.«

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