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2020 ist nicht 2016

Machen wir uns nichts vor, derzeit deutet vieles auf eine Niederlage des US-Präsidenten bei der Wahl im November hin

  • Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Wir alle sind traumatisiert von der US-Präsidentschaftswahl 2016. Das ist psychologisch erklärbar, das ist verständlich. Doch im Bemühen, Donald Trump nicht noch einmal zu unterschätzen, könnte es auch sein, dass wir nun den gegenteiligen Fehler machen. Wann immer eine neue Umfrage zur Wahl im November herauskommt, finden sich sofort Kritiker*innen, die auf »falsche Umfragen« von 2016 verweisen. Auch US-Demokraten reagierten in sozialen Netzen oft mit Skepsis: »Auf jeden Fall wählen gehen, als würden wir zehn Prozent hinten liegen«, heißt es dann. Das ist richtig - zur Mobilisierung und aus Aktivistenperspektive. Doch aus der eines Journalisten wäre es falsch, die sich immer weiter verdichtenden Hinweise nicht zu dieser Schlussfolgerung zu verdichten: Donald Trump wird - nach derzeitigem Stand - vermutlich die Wahl verlieren und es ist unwahrscheinlich, dass sich die Verhältnisse für ihn zum besseren wenden.

Seit drei Jahren schwanken die Beliebtheitswerte von Trump kaum. Allen Skandalen zum Trotz befürworten mal etwas mehr als 40 Prozent, mal etwas weniger seine Politik. Seit letztem Sommer hatte Demokraten-Kandidat Joe Biden im Umfragendurchschnitt von »real clear politics« immer einen Vorsprung von etwa fünf Prozentpunkten - ein Wert nahe der Fehlertoleranz, der aber stabil war.

Vermeintliche und reale, aber wenig einflussreiche russische Einflussversuche in der Vergangenheit berührten das Alltagsleben vieler Amerikaner kaum, 130 000 Tote durch eine Pandemie dagegen schon: Wegen Trumps katastrophaler Coronavirus-Politik und seiner Law-and-Order-Politik nach dem Tod von George Floyd ist Bidens Vorsprung auf rund zehn Prozentpunkte gewachsen - nicht weil er viele Menschen begeistert oder einen besonders guten Wahlkampf führt, sondern weil rund 50 Prozent wild entschlossen sind, gegen Trump stimmen zu wollen.

Die Demokraten haben in den vergangenen drei Jahren viele Wahlen im Land gewonnen - zuletzt bei einer Richterwahl in Wisconsin auch unter Pandemie-Bedingungen. Wählerunterdrückung wegen Corona könnte den Demokraten schaden, doch aktuell wenden sich vor allem weiße Wähler von Trump ab - eine Gruppe, deren Stimmen schwieriger zu unterdrücken sind. Die Demokraten-Basis überschüttet Demokratenpolitiker zudem mit Geld, die Anti-Trump-Welle rollt.

2016 unterschätzten die Umfragen in einigen entscheidenden Wechselwählerstaaten wie Michigan Trump, doch mittlerweile haben viele Forscher ihre Methoden angepasst. Bei den Zwischenwahlen vor zwei Jahren waren die Befragungen relativ genau, ein Hinweis, dass 2016 eher Ausnahme als neue Regel war.

Vor vier Jahren hätte die überselbstbewusste Journalistenklasse, die dem Unvermeidlichkeitsspin der Clinton-Kampagne auf den Leim ging, die Warnsignale sehen können: Fünf Mal im Wahlkampf lag Trump etwa gleichauf mit Clinton, bevor diese am Ende dann scheinbar davoneilte.

Biden führt im Umfragendurchschnitt auch in allen Wechselwählerstaaten. Laut aktuellen Befragungen erscheint - je nachdem in welche Richtung der Umfragefehler sich auswirkt - ein Wahlsieg in Staaten möglich, die eigentlich für die Demokraten unerreichbar sein sollten: zum Beispiel in Texas. 2020 ist nicht 2016, Joe Biden ist nicht Hillary Clinton, deren Bild durch die Propagandamaschine der Republikaner mitbestimmt wurde. Bidens Bild ist deutlich weniger negativ. Anders als im Fall Clinton kann Trump den Sexismus in der Wählerschaft nicht nutzen, weil er gegen einen Mann antritt.

Und Trump findet derzeit einfach kein erfolgreiches Wahlkampfthema. Angstmache vor Migranten? Die Grenzen sind zu. Polemik gegen die Entfernung von Konföderiertenstatuen? Eine Mehrheit im Land ist dafür. Der Demokraten-Kandidat als Marionette der Linken? Biden druckt »kein Sozialist« auf seine Wahlkampfshirts.

Weil die USA wegen verfrühter Lockerungen weiter in der ersten Corona-Welle feststecken, wird die dadurch ausgelöste Rezession wahrscheinlich nicht in den nächsten drei Monaten überwunden. Laut Umfragen ist Covid-19 jetzt das wahlentscheidende Thema. Trump läuft zudem die Zeit davon, weil im September das »Early Voting« beginnt. Soll heißen: Ereignisse geringer Wahrscheinlichkeit (2016) passieren, aber eben nicht immer. Natürlich könnte der US-Präsident wiedergewählt werden, aber wahrscheinlich ist das derzeit nicht.

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