Vom Riot zur Party und zurück

Der Christopher-Street-Day fehlt und ihm fehlt etwas. Über Löcher, die es zu stopfen gilt.

  • Kuku Schrapnell
  • Lesedauer: 4 Min.

Mit weiter konstant niedrigen Infektionszahlen ist es immer ein bummer von Corona zu schreiben, weil eigentlich ist es doch wirklich kein Thema mehr – zumindest hierzulande. Und ich will auch gar nicht so besserwisserisch von der zweiten Welle anfangen, auch wenn jetzt mit den ganzen deutschen »ich brauch keine Maske, wenn ich trichtersaufe«-Touris ... – ach egal. Wir könnten doch jetzt einfach alle entspannt am See, Strand, Fluss oder wenn es sein muss auch am Freibadbeckenrand liegen und uns freuen, dass Sommer ist und die Mehrwertsteuersenkung das Eis günstiger macht. Das könnten zumindest die meisten, aber mir fehlt zu meinem Sommergefühl etwas ganz Entscheidendes: Blasen an den Füßen, ein leichtes Stechen hintenrum und ein übersäuerter Magen vor lauter Sekt. Was mir fehlt, sind die Christopher-Street-Days.

Jetzt kann man natürlich viel gegen die CSDs einwenden. Zum Beispiel, dass die doch eh nur zu riesigen Partys verkommen sind und es längst weniger um Politik und mehr um den Umsatz geht, wenn Unternehmen auf irgendwas einen Regenbogen drauf drucken. Oder dass dieses ganze Saufen und Vögeln ja recht wenig mit dem ursprünglichen Aufstand in New York 1969 zu tun hat. Aber man könnte auch sagen, dass vielleicht für einen Tag ein Raum im öffentlichen Raum entsteht, in dem sich die Vorstellungen von dem, was normal ist, einmal umdrehen. Ein Raum, in dem die Perversen ein paar Stunden etwas unbeschwerter leben können. Hunderte betrunkene Teenies, die in ihre jeweiligen Pride-Fahnen gehüllt sind und während der Saison jedes Wochenende in eine andere Stadt in ihrer Nähe fahren, wissen, wovon ich rede.

Was hier beschworen werden soll, ist der Geist, der sogenannten Community. Community nennt man das, wenn die ganze lgbtiqa+ Buchstabensuppe zusammenkommt, gemeinsam politisch aktiv wird und solidarisch füreinander einsteht. Und nur damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Ich liebe meinen Community-Kitsch! Aber die Frage ist doch, was davon ist Realität und was nur Wunschdenken?

In den USA hatte sich schon im Juni, dem Pride Month, ein Großteil der Organisator*innen der jeweiligen Pride Marches hinter die Black Lives Matter-Demos gestellt und mit ihnen kooperiert und Rassismus zum Thema eigener Veranstaltungen und Aufrufe gemacht. Auch die Berliner CSD-Ersatz-Demo kam sehr viel politischer daher, als das sonst so übliche Großevent und nahm Forderungen der Black Lives Matter-Bewegung auf. Denn dass es eben nicht nur BIPoCs auf der einen und Queers auf der anderen Seite gibt, sondern Menschen auch gleichzeitig sowohl nicht-weiß als auch nicht-cis oder nicht-hetero sein können, sollte eigentlich niemanden überraschen. Und trotzdem ist es erst das Loch, das durch Corona entstanden ist und die alteingesessenen CSDs ein bisschen zurückgedrängt hat, das es anderen Positionen ermöglicht, sichtbar zu werden.

Worum es dabei geht, ist Intersektionalität. Ein Konzept, das mich nicht nur einnimmt, weil das Wort Sekt darin vorkommt, sondern auch, weil es offensichtlich Quatsch ist, Herrschaft in dieser Gesellschaft nur eindimensional zu denken. Gut, das Konzept ist jetzt nicht wahnsinnig neu – es wird auch gerade auf den noch eher politischen CSDs, die sich dadurch auszeichnen, dass die meisten Wagen noch von Parteien gestellt werden, als Schlagwort immer brav benannt. Aber das war es dann auch. In Leipzig hat der Ausfall des CSDs immerhin ein paar Menschen dazu gebracht, das ganze ernst zu nehmen. Unter dem Motto »the future is intersectional« ziehen sie am Sonntag durch die Straßen. Dabei geht es nicht nur um eine Politik nach Außen mit Kapitalismuskritik und einem Aufruf zur internationalen Solidarität mit Queers in Polen, sondern auch um eine Politik nach Innen. Dabei werden nicht nur die toxischen Schöheitsideale innerhalb der Community, sondern auch der dort grassierende Rassismus und Antisemitismus thematisiert. Erst durch solche Veranstaltungen, die radikal nach vorne drängen, wird eine echte Community möglich. Denn das Loch entsteht nicht nur durch Corona, sondern auch durch die blinden Flecken weißer älterer Aktivist*innen, die schon längst ihren Platz in den Institutionen haben. Aber es sind Aktionen wie in Leipzig, die endlich diese Löcher stopfen und wer weiß, mit etwas Glück ist auch meins dabei.

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