In jedem Fall verdammt ...

Beschlossene Sache: Die Bundeswehr kann künftig auch mit Drohnen töten

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Erprobung läuft. Erfolgreich. Im Sinne der Kunden. Am 26. Juli 2020 startete in Israel die Drohne Heron TP zu ihrem Erstflug. Das unbemannte Fluggerät wurde von Israel Aerospace Industries (IAI) auf der Basis der Drohne Eitan entwickelt, die bereits seit rund zehn Jahren von den israelischen Streitkräften im wortwörtlichen scharfen Schuss über den Palästinensergebieten eingesetzt wird. Der Nachfolger Heron TP dagegen trägt das Eiserne Kreuz am Rumpf und die deutsche Fahne an den Leitwerken.

Im Juni 2018 hatte die Bundesregierung einen Vertrag mit dem israelischen Verteidigungsministerium geschlossen. Als Leasingkunde meldete man Modifikationswünsche an. Ein Konsortium, bestehend aus dem Hersteller IAI und Airbus DS Airborne Solutions (ADAS), kümmert sich um Anpassung und Erprobung, die trotz Corona-Pandemie im Zeitplan liegen. Seit 2018 läuft ebenso planmäßig die Ausbildung der Drohnenbesatzungen und Techniker. Vorbehaltlich weiterer Tests steht einem TP-Kampfeinsatz noch in diesem Jahr nichts mehr im Wege.

Die Militärs sind zufrieden. Gegenüber der von der Bundeswehr seit Jahren eingesetzten Aufklärungsdrohne Heron 1 wurden die Sensoren verbessert, die Flughöhe auf 12 000 Meter gesteigert und die Verweilzeit über dem Zielgebiet auf über 40 Stunden nahezu verdoppelt. Und: Heron TP wird bewaffnet sein. Damit wachsen die strategischen, operativen und taktischen Einsatzmöglichkeiten der Bundeswehr, also deren Überlegenheit auf weltweiten Kampfplätzen, deutlich.

Kritiker der Bewaffnung sagen zurecht, dass damit eine neue Qualität der Kriegsführung erreicht werde. Drohnen stünden nicht einfach so in der Entwicklungslinie Schleuder, Armbrust, Gewehr, Kanone, Rakete ... Drohnen seien Teil einer gewaltigen digitalen Revolution im Militärwesen, in deren Verlauf irgendwann - so die Befürchtung - »intelligente« Maschinen mit anderen Maschinen aushandeln, welche Menschen wann, wie umgebracht werden. Zudem, so ein weiterer Kritikpunkt, wird mit Drohnen gegenüber weniger entwickelten Gegnern eine militärische Überlegenheit geschaffen, die Waffengänge risikoloser und damit machbar erscheinen lassen. Auch der räumliche Abstand zwischen denen, die weitab vom Schauplatz des Geschehenes Raketen abschießen, und den Opfern ihres Tuns trage dazu bei, dass Kriege noch inhumaner werden.

Stimmt nicht, sagen andere Experten und verweisen auf die hohe psychische Belastung der Drohnenbesatzung. Wie weit entfernt das Kontrollzentrum auch immer ist, der Luftfahrzeugführer und sein Waffensystemoperateur sehen - ob leistungsfähiger Sensoren- und Kamerasysteme - das »Weiße im Auge des Gegners«. Sogar noch in dem Moment, in dem die Rakete einschlägt. Zudem seien die völker- und verfassungsrechtlichen Vorgaben für den Einsatz bewaffneter Drohnen die gleichen wie für den Einsatz anderer Waffensysteme. Unverhältnismäßige Schäden unter Zivilisten seien verboten. Letztlich bestimme die Politik per Bundestagsmandat, was das Militär zu tun und zu lassen habe. Keine Zweifel lassen sie in einer Frage: Wer Soldatinnen und Soldaten in den Kampf schicke, steht in der Pflicht, sie bestmöglich zu schützen. Also: Her mit den bewaffneten Drohnen.

Folgt man Soldaten wie Jan Smekla, der vom Cockpit eines Tornado-Jagdbombers in einen Drohnencontainer umgestiegen ist, müssen Drohnen bewaffnet sein. Der Oberstleutnant schildert, wie er als Pilot einer unbewaffneten Heron 1 in Afghanistan dazu verdammt war, zuzusehen, wie Aufständische vier Polizisten gefangen nahmen. Um sie anschließend hinzurichten. Mit einer Heron TP hätte er womöglich ...

Oberst Matthias Ebrecht war Kommandeur des Camp Pamir im afghanischen Kundus. Eine Heron-Aufklärungsdrohne meldete, dass Aufständische eine Rakete feuerbereit machen. Ihm und seinen Leuten blieben zehn Sekunden, um Deckung zu suchen. In der mussten sie verharren, verdammt zum Nichtstun. Mit einer Heron TP dagegen ...

Derartige Beispiele und Ansichten lassen sich im Dutzend abrufen. Und mit einem ausschließlich militärtaktischen Blick betrachtet, leuchten viele Argumente pro Bewaffnung sogar ein. Aus politisch-ethischem Blickwinkel, in dem Reaktionszeitersparnis und Präzision bei der Bekämpfung gegnerischer Ziele keine Rolle spielen, sieht die Sache jedoch zumeist ganz anders aus.

Seit den ersten Überlegungen zu einem möglichen Umstieg auf bewaffnete Drohnen versprach die Bundesregierung, dass es eine breite gesellschaftliche Debatte geben soll, bevor entschieden wird. Das Versprechen wurde nicht eingelöst. Auch nicht mit der vom Verteidigungsministerium inszenierten Talkshow im vergangenen Monat. Bei diesen Corona bedingten Livechats wurde auch kein Wort verloren über die Profite, die Entwicklung und die Produktion militärischer Drohnen versprechen.

Deutschland hat fünf Heron TP und vier Bodenstationen bis 2029 geleast. Die Kosten werden mit 1,024 Milliarden Euro beziffert. Die Fluggeräte reichen für den gleichzeitigen Kampf in zwei Einsatzgebieten. Dort kümmert sich der Industriepartner ADAS um die Wartung und sammelt nötige Erfahrungen, um eine eigene Drohne zu bauen. Deutschland, Frankreich und Italien haben sich dafür zusammengetan. Sie wollen weitere Interessenten ins Boot holen. Spanien hat zugesagt. Tschechien, Belgien und Griechenland zeigen Interesse. 2027 soll die Serienfertigung beginnen. Die Profitaussichten sind bestens.

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