Gehör für Gemeinheit

Vor 80 Jahren wurde der Schriftsteller und Musikproduzent Uwe Nettelbeck geboren

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Stefan Ripplinger

Uwe Nettelbeck (1940-2007) war einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg und ist trotzdem oder gerade deshalb längst vergessen. Er hat ein Leben lang an diesem Vergessenwerden gearbeitet, indem er den westdeutschen Kulturbetrieb ebenso fein wie hart attackierte.

Nettelbeck, Sohn eines Fabrikanten, verbrachte seine Jugend in teuren Internaten; er galt als schwer erziehbar. So finster, wie Pierre Bourdieu in seinem »Soziologischen Selbstversuch« (2002) seine Jahre im Internat schildert, müssen auch Nettelbecks gewesen sein, doch gibt es einen Unterschied: Bourdieu kam aus einfachen Verhältnissen und musste sich gegen die Bürgerkinder behaupten. Nettelbeck war ein Bürgerkind und holte sich im Internat einen Ekel vor der eigenen Klasse, die sonntags zu Besuch kam und ihrer Brut beim pflichtschuldigen Vorspielen von Mozart-Sonaten lauschte.

Es erklärt sich deshalb leicht, weshalb er, der in der deutschen und englischen Romantik gründlich Belesene, sein Studium nach wenigen Semestern abbrach und sich einer seinerzeit in Bürgerkreisen verachteten Kultur zuwandte: dem Kino, vorzugsweise dem Western. Aber nicht so leicht erklärlich ist, dass ein gerade 23-Jähriger einen Satz wie diesen über John Fords »Ringo« (1939) schreiben kann: »Wenn die Kutsche, winzig und verloren, am unteren Bildrand durch die archaische Landschaft zuckelt, formuliert Ford seinen Schicksalsbegriff.« Die wenigen, die Nettelbecks Namen noch kennen, verbinden ihn mit seiner Filmkritik (eine Sammlung erschien 2011 unter dem Titel »Keine Ahnung von Kunst und wenig vom Geschäft«). Und doch hat er seine erstaunlichen Kritiken mit seinen Prozessberichten noch übertroffen.

Nettelbeck ließ sich von der Verteidigung die Akten geben und studierte sie sorgfältiger als die Vorsitzenden, die nicht selten schon den Nazis gedient hatten; ein Fall unter vielen war Hans Pietsch. Henrik Ghanaat schreibt in seinem Nachwort zu der Sammlung »Prozesse« (2015): »Bevor Nettelbeck selbst Justizorgane vom Schlage eines Hans Pietsch zu Opfern des Apparates erklärt, führt er sie elegant als die wahren Täter vor.« All das und Nettelbecks Sympathie für den Aufstand von 1968 brachte den Chefredakteur der »Zeit« in Harnisch. Als dieser, ein gewisser Theo Sommer, drohte, »künftige Gerichtsberichte aus Ihrer Feder sehr genau im Manuskript (zu) betrachten«, erwiderte Nettelbeck öffentlich: »Ich halte es für besser, Theo Sommer liest meine Artikel auch in Zukunft erst dann, wenn sie erschienen sind. Sie werden bis auf weiteres in ›konkret‹ erscheinen.« Doch im Magazin »Konkret« geriet er mit einer Linken aneinander, die ihre Absichten gern für Taten hält. Er nahm 1969 seinen Abschied vom Journalismus und hat den Schritt nie bereut.

Zu dem, was nun folgte, hört man sich am besten bei Veteranen britischer Punkbands, etwa der Swell Maps, um, für die die Gruppe Faust, die Nettelbeck einige Jahre lang produzierte, gleichbedeutend mit Freiheit war. Als Höhepunkt darf das minimalistische Meisterwerk »Outside the Dream Syndicate« (1973) gelten, das Faust mit Tony Conrad einspielte. Das Buch »Mainz wie es singt und lacht« setzte 1976 den Anfang einer unerhörten Bloßstellung des westdeutschen Kulturbetriebs. Nettelbeck druckte ohne Genehmigung kompromittierende Briefe von Kulturgrößen und erreichte so, dass sie einen Bann über ihn verhängten. Es folgte im selben Jahr die erste Ausgabe der mit Petra Nettelbeck, seiner Frau, herausgegebenen Zeitschrift »Die Republik«, in der er sein absolutes Gehör für die Gemeinheit des Betriebs unter Beweis stellt. Erst antwortete er ihm in unter Hochspannung stehenden Sätzen, die ihresgleichen suchen, dann in Echos, nämlich in virtuos montierten Funden aus der Produktion des Betriebs selbst. Und in den Jahren vor seinem Tod griff er in seiner viele tausend Seiten umfassenden Montage »Karl Philipp Moritz«, einer Generalabrechnung mit dem Deutschland der Fritzen und Antisemiten, samt seiner Dichter und Denker, noch weiter aus. Aber sie ist nie veröffentlicht worden, weshalb vorläufig über sie geschwiegen werden muss.

Unser Autor war von 2000 bis 2007 Mitarbeiter von Uwe Nettelbeck.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung