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Angst vor »nervöser« Tour

Fahrer und Teams gehen mit erhöhtem Druck ins Rennen.

Die gute Nachricht ist: Die Strecke rund um Nizza ist gerüstet für den Grand Depart. Vor einigen Tagen hatte sich die Fahrergewerkschaft noch über Rollsplitt auf der Abfahrt des Col de Turini beim Tourveranstalter beschwert. Als sich das Team Mitchelton Scott am Dienstag auf einer Erkundungsfahrt mit der 2. Etappe vertraut machte, war alles ok. »Die Abfahrt ist technisch anspruchsvoll. Aber der Belag ist in gutem Zustand«, schildert Teamchef Matthew White »nd«. Etwas Sorgen hat White noch bezüglich der 17. Etappe, die von Grenoble hoch zum Col de la Loze führt. »Da ging es zwei Kilometer über unbefestigtes Geläuf. Ich bin gespannt, ob sich das ändert, bis wir dort hinkommen. Es sind ja immerhin noch drei Wochen Zeit«, meint White.

Sein Rennstall fuhr mehr als die Hälfte der Tourstrecke ab, darunter alle Schlüsseletappen dieser an Schwierigkeiten reichen Rundfahrt. Dass dem Team dabei keine weiteren Gefahrenstellen aufgefallen sind, beruhigt. Immerhin führten die Stürze bei der Tour-Generalprobe Dauphiné, die durch große Löcher im Belag ausgelöst wurden, zum Tourverzicht des letztjährigen Dritten Steven Kruijswijk und zu Verletzungen beim Favoriten Primoz Roglic und dem letztjährigen Vierten Emanuel Buchmann.

Sorgen begleiten das Peloton dennoch. »Es wird eine sehr nervöse Tour. Im Unterschied zu früheren Jahren hat wohl hier kein Starter mehr als 15 Renntage als Vorbereitung in den Beinen. Manche hatten zu kämpfen, um nach dem Lockdown in Form zu kommen«, erzählt White. Und wegen der unterbrochenen Saison kämpfen einige Fahrer noch immer um neue Verträge. Gewöhnlich sind diese Gespräche vor Tourbeginn zumindest für die gestandenen Kräfte gelaufen. Jetzt wissen viele Teams nicht, wie ihr Budget im nächsten Jahr aussieht. Und Profis, deren Verträge auslaufen, fahren um ihre berufliche Zukunft. Das dürfte den Druck erhöhen. »Auch wir haben noch ein paar Plätze frei und schauen uns die Fahrer an«, verkündete Bora-Teamchef Ralph Denk.

Einen Vorgeschmack auf die besondere Anspannung im Rennbetrieb unter Pandemiebedingungen boten bereits die ersten Rennen kurz nach der Lockerung. Bei der Polenrundfahrt ging der Niederländer Dylan Groenewegen seinem Kontrahenten Fabio Jakobsen derart in die Fahrlinie, dass sein Landsmann in die Banden krachte und um sein Leben fürchten musste. Umstrittene Maßnahmen des Veranstalters hatten die Gefahr erhöht: Der Zielsprint befand sich in einer Abfahrt, die Absperrungen hingegen waren so lose, dass Jakobsen sie einfach durchbrach und Teile davon andere Fahrer zu Fall brachten. Hauptauslöser aber war der ungezügelte Siegeswillen Groenewegens. Der ist, auch wegen eigener Verletzungen, bei der Tour nicht dabei. Doch zu wohl erzogenen jungen Männern, die anderen höflich den Vortritt auf der Ziellinie lassen, werden die Sprinter bei dieser Tour sicher nicht werden. »Sprints bleiben gefährlich. Als Fahrer konzentriert man sich in erster Linie auf das Rennen. Die Sicherheit der Strecke ist Sache der Organisatoren und des Weltverbands«, meinte der Geraer John Degenkolb, der schnelle Mann vom Team Lotto-Soudal.

Dass hier noch Nachholebedarf besteht, ist klar. »Die UCI muss sich stärker um ihre Kernaufgaben kümmern und die Rennstrecken abnehmen. Organisatoren sind manchmal versucht, hier eine noch kleinere Straße zu nehmen oder dort eine spektakuläre Abfahrt, um den Ausrichterstädten einen Gefallen zu tun. Der Weltverband muss aber, ähnlich wie es die Fis im Skisport macht, die Strecken kontrollieren«, sagte Bora-Chef Denk zu »nd«. Bei der Tour ist das bislang nicht geschehen. Die Strecken werden nur von den Teams in Augenschein genommen. Ob das hilft, kann man spätestens auf der 17. Etappe beobachten.

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