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Madrilenische Maskerade

Die Lockerungen nach einer der längsten Ausgangssperren in Europa haben die Corona-Pandemie wieder neu entfacht

  • Von Maren Häußermann, Madrid
  • Lesedauer: 7 Min.

Vier Kinder stehen im Kreis, alle unterschiedlich groß, alle jünger als zehn Jahre. »Meine Maske ist innen weiß«, sagt der Zweitkleinste und zieht den Mund-Nasen-Schutz runter, um ihn zu wenden und das Gesagte zu beweisen. Die anderen drei tun es ihm gleich, vertieft in die vergleichende Forschung. Die Eltern sitzen ein paar Meter weiter um silberne Aluminiumtische. Sie trinken Wein und Bier, lachen, greifen gelegentlich in den Korb voller Kartoffelchips, der in der Tischmitte steht. Die obligatorischen Masken hängen von Kinn, Ellbogen oder Handgelenk.

Die Madrilenen lassen sich ihr Wochenende nicht von Corona verderben. Dabei erregt die Lage in der Hauptstadt erneut Besorgnis im ganzen Land. Ein Drittel der spanienweit Infizierten befindet sich hier. Trotzdem ist die rechtskonservative Madrider Regionalregierung vergleichsweise zögerlich, was erneute Einschränkungen angeht. Die autonome Region Aragonien hat durch strengere Maßnahmen zuletzt innerhalb eines Monats die Zahl der Infizierten von über 550 Fällen pro 100 000 Einwohner auf knapp 300 gesenkt. In Madrid kamen in den vergangenen zwei Wochen 473 Fälle auf 100 000 Einwohner. Mitte August waren es noch 366. Die Todeszahlen sind in dieser zweiten Infektionswelle verglichen mit dem Frühjahr niedrig. Doch auch sie steigen und so gibt es jetzt, in der zweiten Septemberwoche und mit Schulbeginn, auch im Zentrum Spaniens wieder neue Restriktionen. Das Rauchen ist von nun an draußen verboten, wenn der Abstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Und man darf sich maximal in Gruppen von zehn Personen treffen.

Am Wochenende scheint der Sinn dieser Maßnahmen zweifelhaft. Paare gehen Hand in Hand durch den Retiropark im Zentrum der Stadt. Fahrradfahrer, Inlineskater und Jogger kreuzen die Wege der Familien, die zum Entenfüttern gekommen sind oder zum Picknicken. Man genießt es, wieder ein madrilenisches Leben zu führen. Nicht in der Wohnung, sondern draußen.

Bauchfreie Tops, flatternde Röcke, hohe Schuhe und perfekt sitzendes Haar. Die Umstände hindern die Madrileninnen nicht daran, gut auszusehen. Drei Freundinnen machen ein Selfie. Nur zwei haben ihre Maske dafür aufs Kinn heruntergezogen. Das Accessoire gehört nun zum Outfit. Die Maske ist jetzt wie die Schuhe, die man anzieht, bevor man das Haus verlässt. Immer und überall wird sie getragen und oft nur zum Essen und Trinken abgenommen. Wer dagegen verstößt, kann mit 100 Euro Strafe belangt werden. Deshalb umarmen sich die Madrilenen nun eben mit Maske und küssen sich so sogar. Aber weitere Opfer zu bringen, ist schwierig.

Die soziale Distanz passt nicht zu Spanien. Man kommt hier schnell ins Gespräch, auch mit Fremden. Und während sich die Erwachsenen um die Tische gedrängt bis in die Nacht hinein unterhalten, mischen sich die Kinder durcheinander, die ihren Schlafrhythmus an den der Eltern anpassen, nicht umgekehrt.

An diesem Abend, an dem die Temperaturanzeige auch um 21 Uhr noch 28 Grad anzeigt, treffen sich Jugendliche an einem Platz nahe des Stadions Santiago Bernabéu im Norden der Stadt, der Heimstätte von Real Madrid. In allen Ecken spielt Musik, sechs Mädchen tanzen eine Performance, die ihre Freunde filmen. Der Rest jubelt. Ein paar Meter weiter wird Breakdance vollführt. Skateboards rattern auf dem Steinboden und übertönen die verschiedenen Musikrichtungen, die Gespräche und den allgemeinen Lärm. Das soziale Sommerhighlight: ein betonierter Platz in einem modernen Geschäfts- und Einkaufskomplex, der von Hochhäusern mit gläsernen Fassaden umringt ist. Auch für die Älteren ist um spätestens ein Uhr Schluss. Ohne Aussicht darauf, in Diskotheken zu gehen, stehen sie verloren auf der Straße und beraten das weitere Vorgehen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der nächste Weg nach Hause führt. Nicht ins eigene Zuhause, sondern zu Freunden. Und wie soll dort die Anzahl der Gäste kontrolliert werden?

Innerspanischer Tourismus

Menschen im Rest von Spanien hatten Angst vor den Madrilenen. Den Verdammten aus Europas Hotspot, die nach dem Hausarrest wie jeden Sommer fluchtartig den glühend heißen Großstadtmoloch verließen, um an die Küsten und in die Berge zu fahren. Aber dieses Mal war der Urlaub noch notwendiger. In Spanien durften Kinder für sieben Wochen gar nicht das Haus verlassen. Nicht zum Spazieren, nicht zum Spielen. Erwachsene durften nur einzeln raus und nur zum Einkaufen oder Hund ausführen. Nur langsam lockerten die Regionen diese Einschränkungen. In Madrid gab es einen Stundenplan, wann welche Altersgruppe rausgehen durfte, und es gab ein Verbot von Treffen außerhalb des eigenen Haushalts. Erst seit 21. Juni dürfen die Madrilenen ihre »Neue Normalität« genießen.

Aber die Clubs blieben weiterhin geschlossen und alle Räumlichkeiten mussten ihre Plätze beschränken. Mit Maske kann man ins Theater, Museum oder Kino gehen. Doch diese Entspannung hält leider nicht an. Seit Anfang August steigen die Zahlen erneut. Schuld daran scheinen laut Fernando Rodríguez Artalejo, Professor für Volksgesundheit, die zahlreichen Treffen im Freundes- und Bekanntenkreis, fehlendes Personal, das die Ansteckungen nachverfolgen soll, sowie die Bewegungsfreudigkeit der Madrilenen auch innerhalb der eigenen Region zu sein. Doch gerade diese war gewünscht.

Laut der Verantwortlichen für Tourismus in der Region versucht man mit kulturellen Angeboten und verschiedenen Aktivitäten den Verlust zu mildern, den das Fernbleiben ausländischer Touristen verursacht hat. Angeblich seien die Unterkünfte in der Gebirgskette um Madrid bis Oktober voll ausgebucht. Das hilft aber nicht über die Lücke hinweg, die das Virus in der Jahresbilanz hinterlässt. 762 Millionen Euro hat die Region Madrid im August 2019 mit Tourismus eingenommen. Sieben Prozent des madrilenischen Bruttoinlandsprodukts. Dieses Jahr ist der Branchenumsatz schon im Juli um 65 Prozent eingebrochen. In der Hauptstadt ist das mit allen Sinnen wahrnehmbar.

In den Lokalen sind die Tische zwar oft alle belegt, Stühle aber bleiben frei. Im Herzen der Stadt, in den Touristenecken wie dem Plaza Mayor, bleiben auch die Tische leer. Der Ort, der normalerweise von Madrilenen gemieden wird, wo sich sonst Reisegruppen und Souvenirverkäufer tummeln, wirkt nahezu gespenstisch. Obwohl Wochenende ist, sind nur wenige Leute hier. Es ist dementsprechend leise. Zumindest für madrilenische Verhältnisse.

Normalerweise sind die Straßen der Stadt voll und es ist vor allem laut. So laut, dass Anwohner in manchen Vierteln Bewegungen gründen, um ihren Unmut kundzutun, und andere darüber sagen »Die sollen sich nicht so anstellen und einfach Wasser vom Balkon schütten, wie früher.« Das Problem hat sich nun erledigt. Doch so sehr sich die Anwohner freuen mögen, ihren Frieden haben sie sich so sicher nicht vorgestellt. Denn das fehlende Halligalli wirkt sich extrem negativ auf viele Mitmenschen aus.

Um 23 Uhr sind zwei Verkäufer von Spielzeugen auf dem Plaza Mayor. Sie werfen leuchtende Plastikteile in die Luft und fangen sie wieder auf. Auch auf der Puerta del Sol, dem Platz, der den Nullpunkt Spaniens markieren soll, von dem aus die Straßen in alle Landesteile führen, ist ein solcher Verkäufer präsent. Ein Einziger. Lieferanten warten mit ihren Fahrrädern hier, bis sie zu einem neuen Auftrag gerufen werden. Als die ersten Lockerungen kamen und Lokale mit bis zu 50 Prozent Belegung wieder öffnen durften, konnten das gerade Mal fünf Prozent der Betroffenen Einrichtungen tun. Denn nur ein Viertel hat die Möglichkeit, draußen zu sitzen, und viele konnten die nötige Distanz zwischen den Plätzen nicht garantieren.

Viele von ihnen arbeiteten schwarz oder waren über Kurzzeitverträge angestellt, die nicht verlängert wurden. Ein Anspruch auf staatliche Hilfe ist dementsprechend schwer geltend zu machen. Auch jetzt warten viele auf administrative Unterstützung, aber online gibt es keine Termine und ohne Termine können keine Anträge gestellt werden. Die Administration ist überlastet. Dazu kommt nun der Schulbeginn.

10 000 Lehrer hat Madrid zusätzlich angestellt und nicht ohne Grund. Denn in der vergangenen Woche wurden 90 Prozent der Lehrkräfte auf Covid-Antikörper getestet und von den 66 000 durchgeführten Tests kamen mindestens 2000 positiv zurück. Die Betroffenen müssen sich nun einem PCR-Test unterziehen, um festzustellen, ob sie die Krankheit aktuell haben. Ein Blick ins Nachbarland Frankreich, wo schon vier Tage nach Schulbeginn zwölf Schulen wieder schließen mussten, reicht, um einzuschätzen, dass das Schuljahr nicht ohne Unterbrechungen stattfinden wird. Und ein Blick auf die Infektionszahlen reicht, um zu befürchten, dass auch das Madrider Leben erneut eingeschränkt werden wird - mit allen Konsequenzen.

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