Päpstlich radikal

Die neue Enzyklika: Wer in Armut lebt, wurde bestohlen

  • Von Michael Ramminger
  • Lesedauer: 4 Min.

Fratelli Tutti, an »alle Brüder und Schwestern«, wie in der deutschen Übersetzung steht, so heißt die zweite Enzyklika von Papst Franziskus, die am 3. Oktober am Grab von Franziskus von Assisi unterschrieben und veröffentlicht wurde. Es ist zugleich die zweite Sozialenzyklika neben der oft als Umweltenzyklika bezeichneten Laudato Si von 2015, die sich auf gesellschaftliche Fragen bezieht. Enzykliken sind in der römisch-katholischen Kirche für alle Gläubigen verbindliche Lehrschreiben: ein Charakteristikum, das in Zeiten massiv bröckelnden Zusammenhalts und schwindender gesellschaftlicher Bedeutung der Kirche weltweit allerdings immer weiter an Relevanz verliert.

Der Untertitel dieser in acht Kapitel mit über 285 Punkten unterteilten Enzyklika lautet: »Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft«. Das Bemerkenswerte an ihr ist, dass in den Unmengen an Anmerkungen so gut wie alle wichtigen Ansprachen, Predigten und Reden von Franziskus vorkommen, und damit die darin enthaltene Kritik in den Rang verbindlicher Glaubensaussagen gehoben wird - zu den Themen Kapitalismus und Globalisierung, globale Ungleichheit, Krieg und Rüstung, Umweltzerstörung.

Die soziale Freundschaft, von der er gleich zu Beginn redet, ist für ihn »politische Liebe«, sie ist Solidarität nicht nur als gemeinsames Interesse der Ausgebeuteten, sondern als Kampf gegen die strukturellen Ursachen der Armut, der Arbeitslosigkeit etc.: »Die Solidarität, … ist eine Art und Weise, Geschichte zu machen, und genau das ist es, was die Volksbewegungen tun.«

Dieses Verständnis von Nächstenliebe durchzieht die gesamte Enzyklika und gründet in der universellen und unbedingten Würde der Menschen. Franziskus konfrontiert das immer wieder mit den real existierenden globalkapitalistischen Verhältnissen und der irrigen Vorstellung, dass aus liberalistisch verstandener Autonomie und individueller Freiheit so etwas wie eine solidarische Gesellschaft entstehen könne. Wie schon oft zuvor kritisiert er den neoliberalen Kapitalismus und dessen Idee, dass aus der Verfolgung individueller Interessen das größtmögliche Gemeinwohl entstehen könne, und er besteht darauf, dass eine Gesellschaft gerade die Bedürfnisse der Schwächsten und Ärmsten zu berücksichtigen hat: »Solange unser Wirtschafts- und Sozialsystem auch nur ein Opfer hervorbringt und solange auch nur eine Person ausrangiert wird, kann man nicht feierlich von universaler Geschwisterlichkeit sprechen.«

So wie die Menschenwürde unabdingbar und universell ist, so gilt für Franziskus auch, dass die Erde und ihre Güter allen zugänglich sein müssen und daher dem Privatbesitz entzogen sein sollten: »Die Erde ist für alle da.« Das bedeutet für ihn umgekehrt, dass Armut und Elend nicht einfach nur Ausschluss von Besitz und Gebrauch von Gütern und Rohstoffen sind, sondern dass das Privateigentum dort, wo es den Anderen zum Leben fehlt, als Diebstahl bezeichnet werden muss. »Den Armen nicht einen Teil ihrer Güter zu geben bedeutet, von den Armen zu stehlen, es bedeutet, sie ihres Lebens zu berauben; und was wir besitzen, gehört nicht uns, sondern ihnen«, zitiert er den frühchristlichen Theologen Johannes Chrysostomus.

Es wundert nicht, das angesichts dieses universalistischen Ansatzes auch Flucht und Migration wieder eine herausragende Rolle spielen. Diese sind für Franziskus im Grunde auch Effekte globaler Ungleichheit und des Diebstahls an den Armen. Und er wiederholt das Recht der Menschen zu bleiben und zu gehen - und zu kommen, »wenn die Bedingungen für ein Leben in Würde und Wachstum« in ihrem Herkunftsland fehlen: »Solange es jedoch keine wirklichen Fortschritte in diese Richtung gibt, ist es unsere Pflicht, das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort zu finden, an dem er … sich auch als Person voll verwirklichen kann.«

Diejenigen, die die Ansprachen und Texte des Papstes in den letzten Jahren verfolgt haben, werden sich fragen, ob er in seiner Enzyklika etwas Neues zu sagen hat. Im Grunde nicht: Er fasst seine Analysen und Urteile der letzten Jahre zusammen, kreist um die Themen, vertieft und ergänzt sie an manchen Stellen. Da, wo er zum Beispiel das Problem von Nationalismus und Rechtspopulismus thematisiert, wo er auf die ideologische Unterwerfung der Menschen durch kulturelle Kolonisation, Geschichtsvergessenheit und Nationalismus und falsche Identitätspolitik verweist.

Seinen Text durchzieht eine gewisse Melancholie, wo er von den verpassten Chancen einer politischen Umkehr nach der Finanzkrise 2007 und jetzt gerade in der Zeit der Pandemie spricht: »Wenn einer meint, dass es nur um ein besseres Funktionieren dessen geht, was wir schon gemacht haben, oder dass die einzige Botschaft darin besteht, die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, dann ist er auf dem Holzweg.«

Viele Katholik*innen im reichen globalen Norden werden kritisieren, dass die Frage von Frauenrechten und Priesteramt, die Fragen von Geschlechterdifferenz oder von Missbrauch in der Kirche nicht auftauchen. Viele Katholik*innen im Globalen Süden werden sich in ihren Kämpfen dagegen bestärkt fühlen, werden diese Enzyklika nicht für eine gefährliche »Verleitung zur Unterstützung von Diktatoren mit sozialistischen Heilsversprechen wie Hugo Chavez« halten, wie der Präsident des Münchner Ifo-Instituts Clemens Fuest, sondern als Ermunterung und Bestätigung. Franziskus bleibt sich und der Wirklichkeit treu.

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