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  • Beilage zur Buchmesse Frankfurt Main

Warum Ioana ihren Sohn nie wiedersah

Kriminalkommissar Manfred Paulus klagt Menschenhandel und Sexsklaverei an

  • Von Franziska Klein
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie war zwölf, als ihr opiumsüchtiger Vater sie an einen Kinderhändler verkaufte und sie in ein dunkles Hinterzimmer in Bangkoks Rotlichtviertel gesperrt wurde. Sie wurde als Nummer 17 zum Lustobjekt von Touristen. Als ein Deutscher sie und ihre Freundinnen Sokdy und Wan mit in seine Heimat nahm, glaubte sie, der Hölle zu entrinnen. Ein Irrtum. Sie blieb Sexsklavin. Dank ihr, die eines Tages ihren Peinigern entfloh, konnte die Polizei im Frühjahr 2018 mehrere »Thai-Bordelle« ausheben.

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Manfred Paulus: Menschenhandel und Sexsklaverei. Organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu.
Promedia, 203 S., br., 19,90 €.

Ioana war 19, als sie ihr kleines, abgelegenes Dorf in Rumänien verließ, um in Deutschland für sich und ihren einjährigen Sohn David ein Auskommen zu verdienen. Sie hatte einer Freundin vertraut, die dort angeblich als »Putzfrau« arbeitete, jedoch von ihrem Zuhälter gezwungen worden war, Ioana anzuwerben. Fünf Jahre währte deren Leiden. Als sie sich ihrer Versklavung mal wieder zur Wehr setzen wollte, wurde sie zu Tode geprügelt. David hat seine Mutter nicht richtig kennenlernen dürfen.

Der Fall von Ioana machte 2019 kurzzeitig Schlagzeilen. Ansonsten aber erfahren Enthüllungen über die Machenschaften und Grausamkeiten im illegalen Rotlichtmilieu, die selbst hart gesottene Ermittler*innen immer wieder aufs Neue erschüttern, keine große öffentliche Aufmerksamkeit. Wenn dieses Gewerbe ins Objektiv von Kameras gerät, dann als Unterhaltungssendung oder Freakshow. Friede, Freude, Eierkuchen? Die Realität ist brutal, gnadenlos, unwürdig, unmenschlich und mörderisch. In Deutschland wird seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes jedes Vierteljahr mindestens eine Sexsklavin wie Ioana totgeschlagen, weiß Manfred Paulus, Kriminalhauptkommissar a. D.

Das Geschäft ist global, nicht nur auf Thailand, Rumänien, Russland oder die Ukraine begrenzt. Etwa 90 Prozent der Frauen, die sich heute in Deutschland prostituieren (müssen), sind Ausländerinnen, kommen aus Afrika, Südamerika, Südostasien sowie Ost- und Südosteuropa. Die nigerianische Mafia hat allein 2018 über 10 000 Mädchen und junge Frauen nach Deutschland geschleust und in die Sexsklaverei gezwungen. Wie leblose Waren werden sie in den Metropolen der Wohlstandsnationen feilgeboten.

Paulus hat über drei Jahrzehnte den Menschenhandel zu bekämpfen versucht, der aus Frauen und Kindern Sexobjekte macht. Er lehrt heute an der Polizeihochschule Baden-Württemberg und hat jetzt ein erschütterndes Buch verfasst. Darin klagt er auch die »Nobel-Bordelle« an, die mit skrupellosen Menschenhändlern rund um den Globus gemeinsame Sache machen. Die Betreiber dieser Lokalitäten hierzulande sind mitunter gern gesehene Gäste in Talkshows und auf Partys der sogenannten besseren Kreise, werden als erfolgreiche Geschäftsleute hofiert. Ein spektakulärer Prozess in Stuttgart 2019 enthüllte, dass sich deren Praktiken nicht von denen der Unterwelt unterscheiden.

Das Buch, in das Paulus viele persönliche Erfahrungen und Erlebnisse einfließen ließ, beschämt und entsetzt. Warum kann dem Treiben der Menschenhändler nicht ein für allemal das Handwerk gelegt werden? Warum finden diese immer wieder neue Schlupflöcher? Auch in den Gesetzesbüchern. 200 Jahre nach der Aufhebung der Sklaverei und Leibeigenschaft werden weiterhin Menschen, vor allem Frauen und Mädchen, erniedrigt, gedemütigt, geschunden, gepeinigt. Warum gibt es dagegen keinen gesamtgesellschaftlichen Aufschrei, keine lauthalsige Empörung? Weil die Geschäfte mit dem Sex in Deutschland zu einem Milliardenmarkt angewachsen sind und einen stattlichen Posten im Bruttoinlandsprodukt ausmachen, schreibt Paulus, der auch einen »Ausflug« in die Geschichte der Prostitution (und Zuhälterei) bietet. Dass diese das »älteste Gewerbe« der Menschheit sein soll, bezweifelt er: »Sicher ist, es gab sie schon in grauer Vorzeit, und sie war immer ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft, von der sie bekämpft, verfolgt, verdammt, aber auch immer wieder gern in Anspruch genommen, geschätzt und verehrt wurde.«

Nach dem historischen Exkurs berichtet der Kriminalist über »Lieferwege« und Anwerbungsmethoden der Frauen- und Kinderhändler. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Südostkreuz am Schwarzen Meer gewidmet. Ein Kapitel widmet sich der Kinderpornografie, die in einem unglaublich Ausmaß grassiert, wie die Aufdeckung eines deutschlandweiten Netzwerkes von Pädophilen jüngst bestätigte. Schließlich werden Gesetzeslage und Möglichkeiten der Strafverfolgung debattiert sowie Aussteigerangebote und Präventivprojekte von NGOs vorgestellt. Paulus wurde unterstützt von Marietta Hageney, Leiterin der Frauenorganisation »Solwodi« in Baden-Württemberg, deren Erfahrungen eine Bereicherung für das Buch sind, das ein starker Appell ist, die Hilfeschreie der Sexsklaven nicht länger zu ignorieren.

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