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Zuerst der Gedanke, dann die Musik

Frank Leiden von der Hallenser Band Sorry3000 über Wahrhaftigkeit, Selbstoptimierung und Ost-Provinz

  • Von Johannes Creutzer
  • Lesedauer: 7 Min.

Sie nennen Ihre Musik »Real-Pop«. Sprechen Sie das deutsch oder englisch aus? Und was soll das eigentlich sein?
Wir sprechen es englisch aus, die deutsche Aussprache finden wir aber total lustig, weil man dann diese Supermarkt-Assoziation hat, was uns auch ein bisschen in die Karten spielt. Die Überlegung hinter Real-Pop ist, dass wir versuchen, relativ unverstellt Gefühle, Befindlichkeiten und Beobachtungen auszudrücken, und wenn wir mit Klischees umgehen, dann bewusst. Wir wollen nicht in die Falle tappen, unbewusst irgendwelche blöden Genrekonventionen aufzugreifen. Deshalb wird auch mal geschrien oder gesprochen. Wir möchten nicht Lieder spielen, wo niemand mehr auf den Text achtet - der soll immer im Vordergrund stehen. Der Gedanke kommt zuerst, danach der ganze musikalische Unterbau. Und wir machen es poppig, weil wir wollen, dass es tanzbar ist.

Haben Sie in Abgrenzung dazu ein Beispiel für »Unreal-Pop«?
Über Kollegen zu sprechen, ist immer schwierig, aber manchmal kauft man das den Leuten einfach nicht ab oder es werden Phrasen abgespult. Das ist langweilig und unangenehm. Wir sind keine explizit politische Band, aber in der Popmusik finden sich viele unangenehme Konventionen, die beispielsweise Geschlechterverhältnisse betreffen, wenn da »Baby« gesungen wird. Die Perspektive von Stefanie (Sängerin und Songwriterin Stefanie Heartmann, Anm. JC) ist eine ganz andere und dazu passt Pop oft gar nicht. Wenn wir ausdrücken wollen, dass wir uns vor uns selbst ekeln oder dass wir uns langweilen, dann geht das nicht mit klassischen Pop-Themen, wie Liebe oder Weltverbesserungsgeschichten. Diese ganze Indie-Popschiene ist oft so moralinsauer und überheblich. Auch wenn Indie-Bands eine gewisse Softheit haben - im Verhältnis zu Rap -, sind das oft voll unangenehme Machos und eingebildete Arschlöcher. Wir wollen unsere Perspektive aufzeigen, und deshalb versuchen wir Konventionen, die wir als unreal wahrnehmen, nicht zu bedienen.

Ob im Song »Fitness« oder »Franky«, Selbstoptimierung ist ein wichtiges Thema in Ihren Texten. Inwieweit sprechen Sie da über sich selbst? Oder kritisieren Sie Ihr Umfeld?
Wir sprechen eigentlich immer über uns selbst und hoffen, dass wir dadurch einen ersten Schritt machen, um unsere eigenen Probleme in den Griff zu kriegen. Selbstoptimierung gibt es auf jeden Fall in unserem Umfeld, aber eben auch bei uns. Wir wollen - auch mit Sorry3000 Anerkennung und Zuneigung. Gleichzeitig wissen wir, dass all das nichts bedeutet oder wert ist - und ein bisschen bescheuert ist.

»Franky« ist für mich eine Art Erlösungsfantasie, die man hat, weil man sich überfordert fühlt, weil man viel will, aber nicht alles bekommen kann. Das ist selbstverständlich nur stellvertretend, denn es kann nicht die Lösung sein, dass man sich von »Frank« in »Franky« umbenennt, aber sich da einmal reinzusteigern, sich das einmal vorzustellen, ist eine coole Sache.

Ihr Debütalbum trägt den Titel »Warum Overthinking dich zerstört«. Ist das eine Warnung?
Die wahre Geschichte ist: Auf einem von diesen Life-Coaching-Blogs, die einem im Internet das Leben optimieren sollen, haben wir einen Eintrag gefunden, der »Darum zerstört dich Overthinking« hieß. Das fanden wir als Zeile super, weil so anmaßend und bescheuert - insbesondere der mitschwingende autoritäre Imperativ: »Ich habe hier den Durchblick, und so läuft’s.« Gleichzeitig kommen wir als Band eher vom Inhalt her, wir gehen nicht in den Proberaum und jammen, sondern überlegen uns Texte, die einen doppelten Boden haben. Dazu gehört zwangsläufig Overthinking. Es geht immer um Komplexe und Gedankenwelten, die sich aufbauen, viel mehr um die Innen- als die Außenwelt, viel mehr um unseren Blick auf die Welt als die Welt an sich. Am Ende wird man aber irre, wenn man zu viel über diese Dinge nachdenkt - eben Overthinking.

Sorry3000 gibt es schon seit 2016. Zum Song »Nasenspray« findet sich im Internet ein Livevideo ebenfalls aus 2016, auf dem die Zuschauer schon jede Zeile mitsingen. Warum hat es vier Jahre bis zu Ihrem ersten Album gedauert?
Das Projekt hatte schon immer einen kleinen Größenwahn, aber wir sind sehr dilettantisch an die Sache herangegangen. Es ist eher über Freundschaften entstanden, als dass sich Musiker gefunden hätten. Bianca Stress hat beispielsweise bei der ersten Probe zum ersten Mal Bass gespielt, deswegen war unser Anfang sehr rumpelig. Der inhaltliche Kern von Sorry war zwar früh da, aber das in eine gute musikalische Form zu bringen, das aufnehmbar zu machen, hat lange gedauert. Wir hatten auch Probleme, gute Auftritte zu bekommen, weil das sehr aufwendig ist und man sich zunächst einen Namen erspielen muss.

Wir haben schon 2017 angefangen, das Album aufzunehmen, allerdings hat es sich dann verzögert - wie das immer so ist, wenn man nicht viel Geld hat. Doch mit den Aufnahmen konnten wir uns bei Labels bewerben, und haben den Zuschlag bei Audiolith bekommen. Dort wurde dann noch mal ein Vorlauf bis zur Veröffentlichung drangesetzt, so dass wir im Endeffekt drei Jahre an dem Album gearbeitet haben. Zwischendurch habe ich mich schon gefragt, ob wirklich irgendwann dieses Album rauskommt. Doch das tolle an Audiolith ist, dass wir denen unsere Sachen zeigen und die finden sie gut, sie beraten ein bisschen, quatschen uns aber nicht rein.

Die Band kommt aus Halle an der Saale, wo ein Rechtsterrorist vor einem Jahr bei einem antisemitischen Anschlag zwei Menschen ermordete; dem Bundesland, wo bei der letzten Landtagswahl knapp ein Viertel die AfD wählte und das als »Land der Maskenverweigerer« gilt. Wie erleben Sie Rechtsextremismus im Alltag?
Zunächst haben wir als - auch wenn ich den Begriff etwas undifferenziert finde - privilegierte Weiße, als Musiker und Leute, die da wohnen, keine Probleme. Die echten Probleme haben vor allem Geflüchtete und Leute, die ein bisschen anders aussehen, bereits in der Straßenbahn bei Kontrollen, auf Ämtern und gegenüber Vermietern. Aber das - inzwischen geschlossene - Haus der Identitären Bewegung direkt am Campus, wo ich studiert habe, war schon sehr gruselig.

Im Alltag ist Halle eine Stadt, die stark segregiert ist: Die linke Blase beschränkt sich auf ein paar Straßen, und dann gibt es die Peripherie, die Neustadt, wo alles ganz anders ist. Irgendwie ist Halle auch cool, aber trotzdem eine Stadt, zu der niemand wirklich ein ungebrochenes Verhältnis hat und in der teils eine depressive Grundstimmung herrscht.

Den antisemitischen Anschlag haben wir relativ nah mitbekommen, weil die Synagoge dort ist, wo zwei von uns wohnen und wir uns auch bewegen. Jetzt stehen vor der Synagoge immer zwei Polizisten in einem Pavillon, das bringt vielleicht Sicherheit, ist aber vor allem Symbolpolitik. Neulich gab es vom »Landesvater« Reiner Haseloff diese zweideutige Aussage, der Anschlag wäre nicht passiert, hätte es »mehr Versöhnung« gegeben, und Innenminister Holger Stahlknecht machte die Juden zum Sündenbock für Überstunden bei der Polizei - so etwas ist einfach scheiße. Da sieht man, dass sich auch im letzten Jahr nichts geändert hat.

In einem Text heißt es über die ostdeutsche Provinz: »Wo die Sintflut schon mal war, wird es nie mehr wunderbar.« Trotzdem bleiben Sie dort. Warum?
Im Song »Tarifgebiet«, aus dem der Satz stammt, gibt es die Provinz und noch mal die Provinz der Provinz, das ist aus einer Hallenser Perspektive formuliert. Für jemanden aus Berlin oder Hamburg ist Halle schon die Provinz, für jemanden aus Ostdeutschland ist Halle die viertgrößte Stadt nach Leipzig, Dresden und Chemnitz, wenn man Berlin rausrechnet. Und wenn man aus Halle heraus die Zonen des Tarifgebiets abfährt, wird es immer deprimierender. Dort sieht man dem ostdeutschen Landschaftsbild die Brüche der Geschichte an, ohne dass etwas Neues entsteht. Halle hat hingegen, genau wie Leipzig oder Dresden, viele Vorzüge und die überwiegen für uns. Aber wie Hippies auf’s Land ziehen, will ich selbstverständlich nicht - da müsste man sich wirklich in der Kommune einschließen.

Seit März hat das Coronavirus so ziemlich alles auf den Kopf gestellt - auch die Musikindustrie: Viele Künstler und Labels verschieben ihre Releases, vor allem weil kaum Konzerte vor Publikum gespielt werden können. Wie ist es gerade jetzt, das eigene Debütalbum zu veröffentlichen?
Uns war es wichtig, dass die Platte endlich rauskommt. So eine Verschiebung - auf unbestimmte Zeit - wäre schlimm gewesen, weil sie uns blockiert hätte. Audiolith hat das aber auch nie eingefordert und es war bereits alles in der Spur, kurz bevor Corona losging. Allerdings verstehen wir uns als Live-Band: Wir sind keine Mucker oder Studio-Band, sondern hatten uns vorgestellt, zu fünft als Freunde schöne Konzerte zu spielen, vorher Sekt zu trinken, Spaß zu haben und albern zu sein, deswegen ist die Situation extrem bitter.

Zum Glück sind wir aber nicht ökonomisch auf die Band angewiesen, was, so, wie es läuft, auch gar nicht möglich wäre. Sorry3000 ist ein riesen Verlustgeschäft für uns - bis jetzt.

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