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Projekt des Scheiterns

Der FC Schalke 04 ist auch von der Komplexität seines Niedergangs überfordert

  • Daniel Theweleit, Gelsenkirchen
  • Lesedauer: 3 Min.

Vom großen Rekord, von dieser sagenhaften Serie mit 31 sieglosen Bundesligapartien nacheinander, die Tasmania Berlin seit 1965 zu dauerhafter Berühmtheit verhilft, ist der FC Schalke noch ein ganzes Stück entfernt. Und wahrscheinlich werden die Gelsenkirchener irgendwann einen Glückstag erwischen, an dem sie einen Sieg zurechtstolpern und die Serie von derzeit 24 Spielen ohne dreifachen Punktgewinn doch noch vor Tasmanias Marke beenden. Was jedoch die Vielschichtigkeit der Krise betrifft, hat Schalke längst alle Rekorde übertroffen. Die sportliche Lage ist dramatisch, die wirtschaftliche Situation prekär, in der Klubführung mangelt es an Harmonie und von einem Plan für die Zukunft fehlt jede Spur. Selbst eingefleischten Schalkern fällt es immer schwerer, sich mit diesem Projekt des Niedergangs zu identifizieren. Dennoch soll mal wieder die Kraft der »1000 Freunde«, von der im Vereinslied die Rede ist, den Weg zur Rettung ebnen.

Dass der Kader genügend »fußballerische Qualität« mitbringe, um die Klasse zu halten, sei »klar«, sagte Sportvorstand Jochen Schneider am Mittwoch in einer kurzfristig einberufenen Presserunde, nachdem er tags zuvor mehrere vermeintliche Störenfriede aus dem Schalker Arbeitsalltag entfernt hatte. »Aber wir brauchen diesen einen Mitspieler: das Miteinander«. Zuerst wurde die Trennung von Kaderplaner Michael Reschke beschlossen, dem vor dem Hintergrund der leeren Kassen im vergangenen Sommer nicht viel eingefallen war. »Einvernehmlich«, wie der Klub erklärte. Hauptgrund sei eine »unterschiedliche Auffassung über die sportliche Zukunft des Vereins« gewesen, erklärte Schneider. Der Bitte, die Differenzen genauer zu erläutern, kam er nicht nach. Ganz so harmonisch ging es offenbar doch nicht zu.

Bekannt ist, dass die beiden Funktionäre bereits im Sommer in der Trainerfrage aneinandergeraten waren: Reschke wollte David Wagner schon damals ersetzen, Schneider war anderer Meinung, musste sich aber nach zwei Spieltagen korrigieren und Manuel Baum einstellen. Über Spielertransfers soll es ebenfalls Kontroversen gegeben haben. Aber die Trennung von Reschke, dessen Aufgaben nun von Klublegende Mike Büskens, dem Lizenzspielerchef Sascha Riether und Schneiders Assistenten René Grotus übernommen werden, ist nur ein Aspekt der großen Selbsterneuerung. Bereits zum fünften Mal wurde der chronische Quertreiber Nabil Bentaleb suspendiert. Ebenfalls bis auf weiteres vom Profibetrieb ausgeschlossen ist Amine Harit, dessen demonstrative Lustlosigkeit, offenbar nicht mehr zu ertragen war. Unbestätigten Berichten zufolge sollen sich Bentaleb und Harit respektlos gegenüber dem Trainer verhalten haben. »Es war notwendig, jetzt eine oder zwei Denkpausen« zu verhängen, erklärte Schneider.

Endgültig getrennt haben sich die Schalker von Vedad Ibisievic, dessen Vertrag zwar noch bis Ende des Jahres läuft, der aber schon zu seiner Familie abgereist ist. Der Stürmer war am Montag auf dem Übungsplatz derart mit Assistenzcoach Naldo aneinandergeraten, dass das Training abgebrochen werden musste. »Das Bild ist für mich verheerend, das wir da abgeben«, sagte Schneider, der zwar um eine sportliche Wende bemüht ist, aber von der Komplexität des Schalker Niedergangs völlig überfordert zu sein scheint.

Die Maßnahmen dieser Woche wirken wie ein Akt der Verzweiflung und nicht wie die erste Etappe eines wohl durchdachten Weges aus der Krise. Das Motiv der Suspendierungen und Trennungen besteht wohl darin, die bedrückende Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit wegzublasen, die den ganzen Klub wie ein toxischer Nebel umhüllt. Wobei schwer absehbar ist, wie gut die Erfolgschancen der Entgiftungsmaßnahmen sind. Am Tag nach dem Knall musste sich die sportliche Führung erst mal mit »normalen« Sorgen herumplagen: Bastian Oczipka, Goncalo Pacencia, Ralf Fährmann und Salif Sané drohen aufgrund von Knieverletzungen länger auszufallen.

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