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San Isidro erregt Kuba

Etablierte Kulturschaffende bringen Dialog von Regierung mit systemkritischem Nachwuchs auf den Weg

  • Von Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 4 Min.

Als am Freitagabend der Schauspieler Jorge »Pichi« Perugorria (»Fresa y chocolate«) und der Filmemacher Fernando Pérez (»Clandestinos«, »Suite Habana«) vor dem Sitz des kubanischen Kulturministeriums im Stadtteil Vedado in Havanna auftauchten, wurden sie mit Applaus und Sprechchören begrüßt. Seit dem Morgen hatten sich dort spontan rund 20, vornehmlich junge Kulturschaffende zu einem friedlichen Sit-in versammelt. Bis zum Abend wuchs die Gruppe auf über 200 Leute an. Man sang, rezitierte Gedichte und klatschte immer wieder in die Hände - wohl auch, um sich selbst Mut zu machen. Proteste dieser Art sind auf Kuba sehr selten.

Die Anwesenden protestierten für Kunst- und Meinungsfreiheit, ein Ende von Zensur und gegen die Räumung des Sitzes des Künstler*innenkollektivs Movimiento San Isidro im gleichnamigen Altstadtbezirk am Vorabend durch die Polizei. Dort waren seit dem 18. November mehrere Aktivist*innen um den Performance-Künstler Luís Manuel Otero Alcántara im Hungerstreik. Der Aufenthalt des Anfang der Woche über Mexiko aus den USA eingereisten kubanischen Schriftstellers Carlos Manuel Álvarez bei den Hungerstreikenden und der damit einhergehende mutmaßliche Verstoß gegen Quarantänebestimmungen aufgrund der Corona-Pandemie dienten den Behörden als Begründung für die Räumung. Die im Gebäude befindlichen Personen wurden festgenommen und nach wenigen Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt. Einzig der Verbleib von Otero war am Samstag noch unklar. Otero soll sich nach unbestätigten Berichten im Krankenhaus Manuel Fajardo befinden, wo er demnach seinen Hungerstreik fortsetzt. Er gilt als Kopf des Movimiento San Isidro. Entstanden ist das Kollektiv vor zwei Jahren, als Künstler*innen und Intellektuelle auf Kuba gegen das Dekret 349 mobilisierten, da es laut Kritiker*innen dem Staat erlaube, Kulturschaffende zu drangsalieren.

Die Proteste begannen vor drei Wochen. Der Rapper Denis Solís, Mitglied des Movimiento San Isidro, beleidigte einen Polizisten, der laut dem Sänger spätabends und ohne richterliche Verfügung sein Haus betreten habe, als »Feigling« und »Schwuchtel«. Ein Handyvideo der Szene stellte Solís auf Facebook. Abgesehen von den homophoben Beleidigungen verfluchte er den früheren kubanischen Präsidenten Raúl Castro und drückte seine Unterstützung für US-Präsident Donald Trump aus (»mein Präsident«). Wenige Tage später wurde Solís verhaftet und per Schnellverfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen Missachtung und Beleidigung eines Staatsbeamten zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Um Solís’ Freilassung zu erreichen, traten sechs Mitglieder des Movimiento San Isidro in einen Hungerstreik. Die staatliche Presse nannte die Aktion eine »von den USA unterstützte konterrevolutionäre Show«. Die Gruppe soll Geld aus Florida erhalten haben.

In Zeiten von Social Media aber hat die Regierung nicht mehr automatisch die Diskurshoheit. Der mehrtägige Hungerstreik fand großes Echo in den sozialen Medien auf der Insel und führte zu der Solidarisierungsaktion vor dem Kulturministerium am Freitag.

»Pichi und ich sind hier, um dem Kulturminister zu sagen, dass er Euch empfangen soll«, erklärte Fernando Pérez nach seinem Eintreffen vor dem Ministerium. Die kubanische Kultur und das Land bräuchten »eine neue Sprache«. Eine Gruppe von 32 Künstler*innen und Intellektuellen - neben Perugorria und Pérez unter anderem die Künstlerin Tania Bruguera, der Dramaturg Yunior García Aguilera und die Poetin Katherine Bisquet als Vertreterin des Movimiento San Isidro - hielten schließlich ein mehr als vierstündiges Treffen mit Vizeminister Fernando Rojas und weiteren Vertretern des Ministeriums ab. Zwei Uhr morgens stand eine vorläufige Einigung: Überprüfung der Fälle von Solís und Otero, eine Garantie, sich in bestehenden unabhängigen Kulturräumen treffen zu können, ohne von den Behörden drangsaliert zu werden, und die Vereinbarung eines Dialogs mit Kulturminister Alpidio Alonso, um weiter ausstehende Fragen zu erörtern.

»Die 32 Personen, die in den Dialog getreten sind, vertreten nicht ausschließlich das Movimiento San Isidro«, so die unabhängige Journalistin Monica Baró. »Was am 27. November vor dem Kulturministerium geschah, war eine Reaktion auf die Räumung des Sitzes des Movimiento San Isidro, aber es ging nicht nur um die Räumung oder die San Isidro-Bewegung.« Die San Isidro-Bewegung sei ein Keim gewesen, so Baró. Was vor dem Kulturministerium geschehen sei, gehe jedoch darüber hinaus. Sie begrüßte die Vereinbarung zum Dialog. Ebenso Pérez. »Dieser direkte Dialog mit den jungen Menschen war längst überfällig«, so der 76-Jährige. »Es gibt Vielfalt, es gibt viele Kriterien und man muss sie wahrnehmen und ihnen zuhören, sie müssen Platz in dieser Nation haben.«

Denn es geht bei dem, was in diesen Tagen in Havanna passiert, nicht um San Isidro versus »Verteidigung der Revolution«; sondern um eine gesellschaftliche Vision für ein zukünftiges Kuba, in der sich auch die Jungen wiederfinden. Die Verhandlung darüber hat gerade erst begonnen.

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