Neue Pflegeausbildung stößt an Grenzen

Generalistische Berufsqualifikation hat ein Jahr nach ihrem Beginn viele Probleme - eins davon heißt Corona

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

In den nächsten zehn Jahren braucht die Hauptstadt laut Berliner Krankenhausgesellschaft 10 000 zusätzliche Pflegefachkräfte. Um das voranzubringen, folgte das Land Berlin dem vom Bundestag beschlossenen Pflegeberufereformgesetz und führte zu Beginn dieses Jahres die neue, generalistische Pflegeausbildung ein. Diese vereint die bisherigen Ausbildungsgänge Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege und schließt nach nur drei Jahren mit der Berufsbezeichnung Pflegefachfrau/Pflegefachmann ab.

Obwohl in der Konzeption nicht unumstritten und trotz negativer Prognosen von Berliner Pflegeschulen hinsichtlich der Finanzier- und Umsetzbarkeit hielt man am 1. Januar 2020 als Datum für den Beginn des ersten Ausbildungsjahrgangs fest.

Für viele der 1900 Lehranfänger*innen brach kurz darauf die Coronakrise in ihre Ausbildungsrealität ein. Wie sehr das erste Lehrjahr von der Pandemie bestimmt war, zeigen nun, zu Beginn des zweiten Ausbildungsjahres, die ersten konkreten Rückläufe aus der Praxis, die kürzlich von Pflegeexpert*innen im Gesundheitsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses vorgestellt wurden. Neben positiven Eindrücken dominieren Schwierigkeiten, vor denen Akteure der Pflegelandschaft im Vorfeld gewarnt hatten. Diese sind aber auch vor dem Hintergrund konkreter Erfahrungen nun deutlicher zu benennen als noch im Vorfeld.

»Der Rücklauf bei den Bewerbungen war sehr gut und das hilft den Mitarbeitern auf den Stationen, wenn wir gut und viel ausbilden«, berichtet Juliane Blume vom Landespflegerat Berlin-Brandenburg. Die Anzahl der Bewerber*innen habe sich auch nicht wesentlich von der der vergangenen Jahre unterschieden. Die Neuerungen seien allerdings mit sehr hohem administrativen Aufwand verbunden, erklärt Blume. Dies bekämen vor allem die Ausbilder*innen zu spüren.

Dringend müssten daher die curricularen Einheiten einfacher gestaltet werden. Denn die Situation werde für die Pädagog*innen nicht nur erheblich durch das coronabedingte Homeschooling beeinflusst, sondern Quarantäne oder Krankschreibung sorgten für Fehlzeiten und machen Ausbildungsverlängerungen schon jetzt zu einem erwartbaren Problem. Außerdem sei der eigentlich festgelegte Schlüssel, bei dem 15 Azubis auf eine*n Ausbilder*in kommen, kaum noch zu gewährleisten. Derzeit leite eine pädagogische Fachkraft 20 Schüler*innen an. »Wir brauchen ohnehin schon viel mehr Pädagog*innen in den kommenden fünf Jahren, sonst können wir die benötigten Pfleger*innen gar nicht ausbilden.«

Auch sonst bestimmt die Pandemie die Ausbildungssituation erheblich, erklärt Blume. »Die Praxisausbildung im ambulanten Bereich ist nur stark eingeschränkt möglich: Verträge mit Pflegediensten können nicht abgeschlossen werden, Pflegeheime sind für Praxiseinsätze von Schüler*innen geschlossen, Angehörige wollen nicht, dass noch jemand zusätzlich zum Stammpersonal in die Einrichtungen kommt.«

Blume hat konkrete Verbesserungsvorschläge, damit sich die Situation nicht noch weiter verschärft. Auch für die Pflegeschulen braucht es ihrer Ansicht nach zentrale Ansprechpartner*innen für Azubis und Ausbilder*innen, die sich speziell um die Probleme kümmern, die vor dem Hintergrund der Coronalage entstehen - an vielen allgemeinbildenden Schulen gebe es die bereits, so Blume. Weil vor allem kleinere Pflegeschulen die Anforderungen des digitalen Lernens noch nicht bewältigen können, müssten außerdem die dafür benötigten Mittel ihrer Ansicht nach schneller und unkomplizierter zur Verfügung gestellt werden.

Das bestätigt auch Sabine Philbert-Hasucha, Leiterin der Campus Pflegeschule. Sie drängt in der Anhörung darauf, die Lage vieler Azubis auch grundlegend zu verbessern. Bereits ohne Homeschooling und Coronakrise gebe es viele Ausbildungsabbrecher*innen, so die Pflegeschulleiterin. Deren Schwierigkeiten hingen auch mit ihrer sozialen Situation zusammen: »Wir haben keinen Bewerbermangel, aber es kommen viele junge Menschen mit nichtdeutscher Herkunftssprache, da braucht die Sprachausbildung viel Zeit und sie muss einen Bezug zum Pflegeberuf haben.« Auch Behörden bereiten dem dringend benötigten Nachwuchs Schwierigkeiten: »Die Anerkennungsprobleme, die durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales und die Bildungsverwaltung verursacht werden, bedeuten einen unnötigen Aufwand.« Philbert-Hasucha kritisiert zudem, dass es aggressive Abwerbeversuche von Lehrpersonal durch besser ausgestattete Schulen gebe, wobei hier auch Bonuszahlungen zum Einsatz kommen.

Aber selbst bei den gesundheitspolitischen Vorzeigeprojekten, wie dem Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe, an dem seit dem 1. Januar Vivantes und Charité gemeinsam Nachwuchs ausbilden, gibt es Probleme, berichtet ein junger Pflegelehrer, der selbst noch studiert: »Wie sollen wir die dreifache Menge Schüler ausbilden, so wie es von uns gefordert wird? Wir sind jetzt schon an der Grenze von Kapazitäten, wir haben keine Endgeräte, die WLAN-Netze in den Schulen sind nicht leistungsfähig genug. Wir kaufen die Kameras selbst, weil wir keine Zeit haben, Konzepte und Anträge zu schreiben«, beklagt er und fordert den Zugang zum Digitalpakt.

Für viele andere Lehrkräfte bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Frage nach besserer Finanzierung nicht in den Haushalt 2022/2023 verschiebt.

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