Einzelkämpferin

Stadträtin warf Bürgermeister Missbrauch vor - und wurde abgewählt

Am 6. Dezember wurde die erste weibliche Stadträtin der bekannten japanischen Kurstadt Kusatsu per Volksabstimmung abgewählt. Shoko Arai hatte dem Bürgermeister der Stadt im vergangenen Jahr sexuelle Belästigung vorgeworfen - und damit einen Tabubruch begangen. Direkt nachdem sie sich im November 2019 an die Öffentlichkeit wandte, wurde sie von ihren männlichen Kollegen aus dem Stadtrat entlassen. Der Vorwurf: Die 51-Jährige habe den »Namen des Bürgermeisters in Verruf« gebracht. Das wurde vom Verwaltungsbezirk für illegal erklärt, die Entlassung annulliert. Ihre Vorwürfe an Nobutada Kuroiwa blieben jedoch bislang folgenlos. Arai schrieb in einem E-Book, Bürgermeister Kuroiwa habe sie bei einem Treffen im Jahr 2015 plötzlich herangezogen, geküsst und auf den Boden gedrückt. Sie habe sich zu der Zeit nicht getraut, die Polizei einzuschalten. Damals gab es in Japan für Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, kaum Hilfsangebote.

Bevor Arai in die Politik ging, arbeitete sie als Verkäuferin. Sie ist in der Region aufgewachsen und kam nach Kusatsu wegen seiner Heilquellen. Sie blieb - und gehörte als Stadträtin seit 2011 zu den lediglich knapp zehn Prozent von Frauen, die in einem japanischen Parlament sitzen. Nun heißt es in der rund 6200 Einwohner großen Gemeinde von vielen Seiten, sie sei nicht fähig für ein politisches Amt. Der 73-Jährige bestreitet bis heute die Anschuldigungen und verklagte Arai wegen Verleumdung. Diese ging selbst rechtlich nicht gegen Kuroiwa vor. Dass der Bürgermeister nun selbst eine Volksabstimmung - und eine Kampagne gegen sie - initiierte, um sie loszuwerden, bezeichnet Arai als »autoritär«, es widerspreche dem eigentlichen Sinn einer Volksabstimmung. Von 2835 Bürger*innen, die an der Wahl teilnahmen, stimmten 2542 für ihre Entlassung. »Sie hat in Kusatku nur wenige Unterstützer«, sagt ein Gewerkschaftsmitglied. Die Vorwürfe der sexuellen Belästigung verhallen.

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