+++ Europäische Arzneimittel-Agentur lässt Biontech Impfstoff für EU zu +++

Der Newsblog zur Coronakrise - Montag, 21. Dezember 2020: +++ Krankenhäuser zu mutiertem Virus: Lockdown müsste intensiver werden +++ Dänemark will Nerze wieder ausgraben und verbrennen +++ Einigung auf neues Hilfspaket im US-Kongress +++

  • Lesedauer: 10 Min.

Berlin. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) empfiehlt die bedingte Zulassung des Corona-Impfstoffs der Mainzer Firma Biontech und des US-Pharmariesen Pfizer in der EU. Das teilte die Behörde am Montag in Amsterdam mit. Im nächsten Schritt muss die EU-Kommission über die Verwendung des Präparats für alle Mitgliedsländer entscheiden - das gilt als Formsache und soll noch vor Weihnachten geschehen. Die ersten Menschen sollen in Deutschland bereits am 27. Dezember geimpft werden. »Das ist wirklich eine historische wissenschaftliche Leistung«, sagte EMA-Direktorin Emer Cooke.

Der Impfstoff ist bereits unter anderem in Großbritannien, den USA und Kanada zugelassen. Er hat nach Angaben der Hersteller Pfizer und Biontech eine Wirksamkeit von rund 95 Prozent und wird für Personen ab 16 Jahre empfohlen.

Die Experten der EMA hatten bereits seit Wochen die Daten und Resultate der klinischen Tests der Hersteller geprüft. Bei einer bedingten Zulassung ist der Hersteller verpflichtet, auch danach noch Daten etwa zur Langzeitwirkung an die EMA zu übermitteln. Auch Angaben zu möglichen Nebenwirkungen werden weiterhin geprüft. Voraussichtlich am 6. Januar will die EMA auch den Weg frei machen für die Zulassung des zweiten Impfstoffes, dem Präparat vom US-Konzern Moderna.

+++ Krankenhäuser zu mutiertem Virus: Lockdown müsste intensiver werden +++

Berlin. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat sich für eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen ausgesprochen, falls sich das mutierte Virus aus Großbritannien auch in Deutschland ausbreiten sollte. »Der Lockdown müsste länger und noch intensiver sein«, sagte DKG-Präsident Gerald Gaß dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Montag. Das sei eine Frage der Statistik. »Nur dann ließen sich die Inzidenzen erreichen, die deutlich niedriger sein sollen als aktuell. Das ist die bittere Wahrheit«, betonte Gaß.

+++ Pflegekräfte häufiger wegen Covid-19 krankgeschrieben +++

Berlin. Pflegekräfte sind einer Auswertung der Barmer zufolge häufiger wegen einer Corona-Infektion krankgeschrieben als andere Arbeitnehmer. Wie die Krankenkasse mitteilte, waren seit Beginn der Pandemie bis Mitte November 6.600 Pflegerinnen und Pfleger wegen Covid-19 krankgeschrieben. Das entspreche 2,5 Prozent aller bei der Barmer versicherten Pflegekräfte. Bei allen anderen Berufsgruppen habe der Anteil bei durchschnittlich 1,6 Prozent gelegen.

+++ Mehrere Fluggäste aus Großbritannien positiv getestet +++

Die Eindämmung des Coronavirus - und der erneute Herbst-Anstieg

Langenhagen. Aus Sorge wegen der in Großbritannien entdeckten Variante des Coronavirus haben viele Passagiere die Nacht an deutschen Flughäfen verbracht. Von den am Sonntag am Hamburger Flughafen getesteten Passagieren aus Großbritannien sind sieben Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Bei einem Fluggast in Hannover hat sich ebenfalls eine Infektion bestätigt. Weitere Labortests sollten nun klären, ob die Passagiere sich mit der neuen, möglicherweise besonders ansteckenden Virus-Variante infiziert haben, teilte die Region Hannover am Montag mit.

+++ Dänemark will Nerze wieder ausgraben und verbrennen +++

Kopenhagen. Die dänische Regierung hat sich eine politische Mehrheit für einen Plan gesichert, die Kadaver von Millionen Nerzen auszugraben und zu verbrennen, die wegen der Corona-Pandemie getötet worden waren. Das teilte das Landwirtschaftsministerium am Sonntag mit. Am Montag sollte außerdem ein Gesetz verabschiedet werde, dass die Zucht von Nerzen in Dänemark bis zum 31. Dezember 2021 verbietet.

Nachdem festgestellt wurde, dass sich eine mutierte Form des Coronavirus bei Nerzen auf den Menschen übertrug, wurden seit November in Dänemark über 15 Millionen Nerze getötet. Mehr als vier Millionen Kadaver wurden auf Militärgelände vergraben, was zu Befürchtungen führte, dass das Trinkwasser oder Badegewässer kontaminieren werden könnten.

Laut der Einigung sollen die Kadaver nach sechs Monaten wieder ausgegraben werden, wenn sie kein Infektionsrisiko mehr darstellen, und verbrannt werden. So werde vermieden, dass die Nerze als gefährlicher klinischer Risikoabfall behandelt werden müssten. Die Arbeiten sollten im Mai beginnen und die Entsorgung bis Juli abgeschlossen sein.

+++ Drosten: Neue Corona-Variante vermutlich auch in Deutschland +++

Berlin. Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, geht davon aus, dass die in Großbritannien entdeckte Coronavirus-Variante Deutschland schon erreicht hat. Die Mutation sei bereits in mehreren europäischen Ländern und sogar in Australien nachgewiesen worden, sagte Drosten am Montag im Deutschlandfunk. »Also warum sollte es nicht in Deutschland sein?« Mit Blick auf die von der Virus-Variante ausgehende Gefahr zeigte Drosten sich angesichts der unklaren Informationslage zurückhaltend.

Er sei angesichts der bestehenden Informationen über die Virus-Mutation »nicht sehr besorgt«, sagte Drosten. Allerdings sei die Datenlage »noch sehr lückenhaft«. Britische Wissenschaftler hätten deutlich gemacht, dass es frühestens Mitte der Woche vorläufige Datenanalysen geben werde. Für den von der Politik beschlossenen Stopp von Verkehrsverbindungen aus Großbritannien nach Deutschland und weitere Staaten zeigte Drosten angesichts der »äußerst erhitzten Nachrichtenlage« Verständnis. »Im Moment ist das, was aus England kommt, mit einem ganz schönen Alarm versehen«, sagte er weiter.

Mit Blick auf die Angaben des britischen Premierministers Boris Johnson, wonach die neue Virus-Variante zu 70 Prozent ansteckender sei als die Ursprungsvariante, sagte Drosten, dies sei nur ein Schätzwert. Es sei noch unklar, ob die neue Variante tatsächlich stärker übertragbar sei.

Auch müsse geklärt werden, ob das mutierte Virus in Südostengland eine neue Infektionswelle ausgelöst habe oder es vielmehr im Zuge der allgemeinen Virus-Ausbreitung hochgespült worden sei. Drosten betonte, dass die Mutation in Ländern wie Belgien, Dänemark, Italien und den Niederlanden zwar bereits nachgewiesen worden sei, aber bisher keine Entwicklung wie in Großbritannien erzeugt habe.

+++ Neuinfektionen bleiben auf hohem Niveau +++

Berlin. Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus bleibt auf hohem Niveau, auch wenn die deutschen Gesundheitsämter dem Robert Koch-Institut (RKI) zum Wochenstart wieder vergleichsweise wenig neue Corona-Infektionen gemeldet haben. Innerhalb eines Tages wurden 16.643 neue Fälle übermittelt, wie das RKI am Montagmorgen bekanntgab. Am vergangenen Montag hatte die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen bei 16.362 etwas darunter gelegen. Allerdings sind die Zahlen zu Wochenbeginn meist niedriger, unter anderem weil am Wochenende weniger getestet wird. Den Höchstwert mit 33.777 gemeldeten Infektionen hatte es am Freitag gegeben - darin waren jedoch rund 3500 nachgemeldete Fälle vom Vortag enthalten.

Die deutschen Gesundheitsämter meldeten zudem 226 neue Todesfälle binnen 24 Stunden. Vor genau einer Woche hatte dieser Wert bei 188 gelegen. Der bisherige Höchstwert von 952 Toten war am Mittwoch erreicht worden. In der Tendenz war die Zahl der täglichen Todesfälle zuletzt nach oben gegangen, was nach dem steilen Anstieg bei den Neuinfektionen auch erwartet wurde. Die Gesamtzahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 26 275.

Das RKI zählt seit Beginn der Pandemie 1.510.652 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2 in Deutschland (Stand: 21.12., 00.00 Uhr). Nach Schätzungen sind rund 1.115.400 Menschen inzwischen genesen. Die Zahl der binnen sieben Tagen an die Gesundheitsämter gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner (7-Tage-Inzidenz) gab das RKI am Montag mit 197,1 an. Das ist der höchste Stand seit Beginn der Pandemie.

Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht vom Sonntagabend bei 1,04 (Vortag: 1,06). Das heißt, dass 100 Infizierte rechnerisch 104 weitere Menschen anstecken. Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab.

+++ Staaten kappen Verkehr nach Großbritannien +++

Berlin. Nach dem Auftreten einer neuen und offenbar ansteckenderen Variante des Coronavirus haben zahlreiche Staaten in Europa und anderen Kontinenten Verkehrsverbindungen zu Großbritannien gekappt. In Deutschland ist seit Montag der Flugverkehr aus dem Vereinigten Königreich eingestellt. Frankreich stoppte für 48 Stunden den gesamten Personenverkehr aus dem Land. Die besonders in Südengland verbreitete Virus-Mutation wurde unterdessen erstmals auch bei einem Patienten in Italien festgestellt.

Die neue Virus-Form wurde bei einem Patienten im Celio-Militärkrankenhaus in Rom nachgewiesen, wie das italienische Gesundheitsministerium mitteilte. Der Patient war demnach kürzlich aus Großbritannien zurückgekehrt und mit seiner Familie in Quarantäne. Außerhalb Großbritanniens waren zuvor elf Fälle der Virus-Mutation gemeldet worden - neun in Dänemark und je einer in den Niederlanden und Australien. In Deutschland wurde die Mutation laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch nicht nachgewiesen.

Nach Angaben aus Regierungskreisen in Berlin wird der Flugverkehr mit Großbritannien vorerst bis zum 31. Dezember ausgesetzt. An weiteren Regelungen werde noch gearbeitet. Für den See- und Straßenverkehr arbeitet die EU demnach an einer gemeinsamen Entscheidung zu Einschränkungen. Auch Einreisen aus Südafrika nach Deutschland wurden eingeschränkt, wie Spahn in der ARD sagte. Auch dort zirkuliert eine mutierte Variante, die ansteckender sein soll.

Neben Deutschland und Frankreich kappten auch andere EU-Staaten - darunter Belgien, Irland, Italien, die Niederlande und Österreich - Flug- und teilweise auch Zugverbindungen nach Großbritannien. Der Hafen im südenglischen Dover wurde für ausreisende Passagiere geschlossen. Zur Begründung verwies die Hafenverwaltung auf die Einreisebeschränkungen in Frankreich.

+++ Lauterbach warnt vor Vordringen der Corona-Mutation +++

Berlin. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbachhat eindringlich vor einem schnellen Vordringen der in Großbritannien entdeckten Coronavirus-Variante nach Deutschland gewarnt. »Wenn es jetzt käme, wo wir mitten in der zweiten Welle sind, wo wir so hohe Fallzahlen haben, wäre das eine Katastrophe«, sagte Lauterbach am Sonntagabend im »Bild«-Talk »Die richtigen Fragen«. »Das ist so ähnlich, als wenn ich ein Feuer habe und gieße noch einmal Benzin nach.« Die Wahrscheinlichkeit, dass die neue, angeblich deutlich ansteckendere Corona-Variante über kurz oder lang nach Deutschland komme, bezifferte Lauterbach auf 100 Prozent.

+++ Einigung auf neues Hilfspaket im US-Kongress +++

Washington. Nach monatelangem Ringen ist im US-Kongress eine parteiübergreifende Einigung auf ein neues gigantisches Hilfspaket gegen die Coronakrise erzielt worden. »Der Kongress hat gerade eine Einigung erreicht. Wir werden ein weiteres Hilfspaket so rasch wie möglich verabschieden«, schrieb der Anführer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, am Sonntag im Kurzbotschaftendienst Twitter. Nach seinen Angaben wurde die Einigung zwischen den vier Chefs der Republikaner und der Demokraten in Senat und Repräsentantenhaus erzielt. Das Hilfspaket habe ein Volumen von fast 900 Milliarden Dollar (rund 740 Milliarden Euro) und enthalte unter anderem weitere Arbeitslosenhilfen, sagte McConnell im Senat.

Der US-Kongress hatte bereits im März wegen der historischen Wirtschaftskrise infolge der Corona-Pandemie das mit einem Umfang von 2,2 Billionen Dollar größte Hilfspaket der US-Geschichte beschlossen. Dieses Programm sah unter anderem Hilfen für in Not geratene Konzerne sowie kleine und mittlere Unternehmen vor, außerdem Direktzahlungen von 1200 Dollar an die Bürger und ausgeweitete Arbeitslosenhilfen. Die Finanzmittel wurden im April mit einem weiteren Hilfsprogramm aufgestockt.

Die USA werden derzeit von einer verheerenden neuen Corona-Welle überrollt. Das Land verzeichnet mehr als 200.000 neue Corona-Fälle und mehr als 2000 Tote pro Tag.

+++ Charité stellt Betrieb auf Notfallprogramm um +++

Berlin. Deutschlands und Europas größte Universitätsklinik, die Berliner Charité, fährt von diesem Montag an für zunächst zwei Wochen den Betrieb auf ein Notfallprogramm zurück. Auf diese Weise soll Personal zusammengezogen werden, um weitere Covid-19-Intensivkapazitäten aufzubauen. Planbare Eingriffe werden damit über Weihnachten und den Jahreswechsel nicht gemacht, wie die Klinik vergangene Woche ankündigt hatte. Notfälle werden aber weiter behandelt und Tumoroperationen vorgenommen. Auch der Betrieb in den Rettungsstellen geht weiter.

Die Charité rechnet mit einer weiteren Zunahme von Corona-Patienten. »Wir befinden uns nach wie vor in einer ungewöhnlich schweren Krise, wie wir sie noch nicht erlebt haben«, hatte Vorstand Ulrich Frei erklärt. Erwartet wurden noch »schwere Wochen«. Wie Charité-Mediziner Kai-Uwe Eckardt im ZDF kürzlich sagte, gelten nun zwei Wochen lang an der Klinik Regeln wie sonst nur an Feiertagen.

++++ Giffey warnt vor Zunahme familiärer Gewalt +++

Berlin. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey warnt vor einer Zunahme familiärer Gewalt an Weihnachten. »Die familiäre Gewalt nimmt jedes Jahr an Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten zu. In diesem Corona-Jahr ist die Gefahr besonders groß«, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Die Nerven sind eh schon angespannt, dazu vielleicht Frust, es gibt eine Menge Einschränkungen. Dann noch Existenzsorgen - viele wissen nicht, wie es bei ihnen im nächsten Jahr weitergeht«, sagte die SPD-Politikerin. Da könne sich »manches entladen«. Giffey wirbt für das Hilfetelefon ihres Ministeriums gegen Gewalt. Dieses sei seit Anfang der Pandemie personell und finanziell verstärkt worden. »Rufen Sie an, wenn es Probleme gibt. Lassen Sie sich helfen.« Agenturen/nd

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