Gift aus Beirut nach Niedersachsen

Explosion im August in der libanesischen Hauptstadt hinterließ gefährlichen Abfall

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein ohrenbetäubender Knall erfüllte Beirut am 4. August des Jahres 2020 kurz nach 18 Uhr, und ein dunkler Rauchpilz kündete weit über die libanesische Hauptstadt hinaus davon, was sich zu diesem Zeitpunkt in ihrem Hafen ereignet hatte. Offensichtlich durch ein Feuer waren 2750 Tonnen des zur Produktion von Dünger und Sprengstoff verwendeten Salzes Ammoniumnitrat entzündet worden, woraufhin eine Explosion katastrophalen Ausmaßes erfolgte.

Rund 200 Menschen wurden dabei getötet, etwa 6500 erlitten Verletzungen und wohl mehr als 250 000 Einwohner Beiruts verloren ihre Wohnung. Die Druckwelle der Detonation hatte unzählige Häuser zerstört oder verwüstet. Nach wie vor leidet die zum großen Teil arme Bevölkerung unter den Auswirkungen dieses Unglücks. Dazu zählt auch das Vorhandensein gefährlicher Abfälle, die infolge der Explosion aufgetreten sind. Das von Sozialdemokraten und CDU regierte Bundesland Niedersachsen will dem Libanon nun beim Entsorgen der giftigen Substanzen helfen.

Wie der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD) inzwischen angekündigt hat, werden dazu im Libanon ungefähr 50 Container mit einem Teil der zu behandelnden Stoffen beladen. Aggressive Chemikalien wie Salz- und Schwefelsäure sind unter dem Gefahrgut, ebenso Lack- und Farbschlämme sowie Batterien. Per Schiff soll all dies zu Deutschlands Tiefseehafen, dem Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven, gebracht werden.

Für solche internationalen Aktionen ist in Niedersachsen die Gesellschaft zur Endablagerung von Sonderabfall zuständig. Sie hat bereits Gespräche mit den am Transport der Substanzen beteiligten Reedereien geführt, damit eine ordnungsgemäße und sichere Entsorgung der gefährlichen Stoffe stattfinden kann. In welcher Anlage und wo im zweitgrößten Bundesland dies dann geschieht, das stehe noch nicht fest, erklärte ein Sprecher des Umweltministeriums in Hannover auf Anfrage.

Ressortchef Lies sagte zur Bereitschaft des Bundeslandes, Niedersachsen wolle seinen Teil dazu beitragen, »die schrecklichen Folgen dieses fürchterlichen Unfalls ein Stück weit abzumildern«. Der Containertransport wird voraussichtlich im Januar 2021 beginnen.

Alle Hintergründe dieser gewaltigen Explosionskatastrophe sind noch immer nicht endgültig geklärt. Vermutlich ist die große Menge Ammoniumnitrat mehrere Jahre ungesichert im Hafen der libanesischen Hauptstadt gelagert worden. Im Zusammenhang mit der Katastrophe hat ein libanesischer Ermittlungsrichter vor drei Wochen Anklage gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Hassan Diab und mehrere frühere Minister erhoben. Weitere Ermittlungen werden nun darüber entscheiden, ob es ein gerichtliches Verfahren gibt. Wie es heißt, geht es bei den Ermittlungen um den Verdacht der Mitschuld an Fahrlässigkeit mit Todesfolge.

Der libanesische Ministerpräsident und sein Kabinett waren wenige Tage nach der Explosionskatastrophe angesichts massiver Proteste aus der Bevölkerung zurückgetreten. Diab amtiert jedoch weiterhin in geschäftsführender Position.

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