Die verlorene Flaschenpost

Adorno, war da was? Die kritische Theorie ist heute integriert, aber bedeutungslos.

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 5 Min.

Was ist eigentlich mit der kritischen Theorie los? Noch vor knapp 50 Jahren war sie ein wichtiger Bezugspunkt all jener, die sich mit den bundesrepublikanischen Verhältnissen nicht abfinden wollten. Doch nach dem Tod von Theodor W. Adorno 1969 änderten sich die Zeiten. Der politische Aufbruch im Westen erschöpfte sich rascher als gedacht, verschworene K-Gruppen und bewaffneter Kampf waren wohl schon Ausdruck des Scheiterns, von den Alternativen und Ökos später ganz zu schweigen.

Prominentester Nachlassverwalter der Frankfurter Schule wurde Jürgen Habermas, die im Erbstreit Unterlegenen sammelten sich an kleineren Hochschulen wie in Lüneburg. Das berühmte Institut für Sozialforschung - begründet von bürgerlichen Intellektuellen, die sich ab Ende der 20er-Jahre der Revolution, dem Marxismus und der Psychoanalyse zuwandten und sich später im US-amerikanischen Exil wiederfanden, bevor sie teils nach Europa zurückkehrten - wurde integriert in den akademischen Alltag der BRD. Dass die kritische Theorie nie eine reine Westgeschichte war, zeigt die deutsche Erstveröffentlichung von Auszügen der »Dialektik der Aufklärung« - in der DDR-Zeitschrift »Sinn und Form«. Doch was ist geblieben von dem Anspruch, eine Theorie zu entwickeln, die Marx, Engels und Lenin die Treue hält, aber andererseits nicht hinter die fortgeschrittenste Kultur zurückfällt, wie es Adorno einst formulierte?

In den akademischen Betrieb integriert, erweist sich kritische Theorie zugleich als neutralisiert. Auf universitären Symposien tauscht sich die kleine Gemeinde der Eingeweihten zwar noch geflissentlich aus, doch die produzierte Literatur beschränkt sich fast ausschließlich auf Exegese oder Anpassung an die neueren Gepflogenheiten und Moden der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin. Als Max Horkheimer seinen berühmten Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« verfasste, wollte er das Denken vor solch wohlmeinender Zurichtung durch Verwaltung retten. »Die kritische Theorie ist positiv geworden«, urteilt Gunnar Hindrichs. Das schreibt der an der Universität Basel lehrende Philosoph in seinem Buch »Zur kritischen Theorie«, einer bei Suhrkamp erschienenen Sammlung von Aufsätzen. 2017 hatte er zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution die »Philosophie der Revolution« vorgelegt, ebenfalls in dem Verlag, der an der Verbreitung kritischer Theorie keinen unerheblichen Anteil hat.

Während der Münchner Gelehrte Michael Hirsch mit »Richtig Falsch - Es gibt ein richtiges Leben im Falschen« an die aphoristische Tradition, von Horkheimers »Dämmerung« bis Adornos »Minima Moralia« anschließt, kommt Hindrichs eher nach Werken wie Adornos »Negative Dialektik«. Sein Bemühen kann man als eine Rekonstruktion des gemeinten Sinns verstehen, der von Habermas wie später auch Axel Honneth und Rahel Jaeggi verstellt worden ist. So ist der mühsam von Adorno und Horkheimer ins Denken aufgenommene Sigmund Freud von Habermas schlicht entsorgt worden, ebenso wie Marx. Wer sich für eine originelle Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse interessiert, schaut dieser Tage statt nach Frankfurt am Main eher ins slowenische Ljubljana, was sich dort im Umfeld von Slavoj Žižek, Alenka Zupančič and Mladen Dolar tut. Hindrichs diagnostiziert, dass die kritische Theorie zerfallen ist. Und zwar in die Momente, die sie widersprüchlich zusammenfügte: Kritik und Theorie, also Urteil und Abbildung. Das in einem Begriff zu verbinden, sei, so Hindrichs, »scharfsinniger Unsinn«, der sich gegen positiven Sinn wehrt.

Es scheint tatsächlich, als hätte sich die kritische Theorie erschöpft. Und zwar als Geste. Jemand wie Adorno wusste noch die ganze aufklärerische Tradition zu beschwören, um sie im Jetzt zu verdichten - als Einspruch gegen eine ganz und gar nicht aufgeklärte Wirklichkeit. Alles, was geschrieben war, wollte praktisch widerlegt werden. Aus dem »So ist es«, wie es Alexander García Düttmann nannte, sprach zugleich die Erkenntnis der notwendigen und möglichen Veränderung. Doch der Begriff der Kritik selbst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Es ist befremdlich geworden, über die Verhältnisse zu urteilen. Stattdessen wird genauestens geschaut, ob in einer Aussage auch alle und alles mitbedacht wird. Der Gestus könnte nicht unterschiedlicher sein: Verwerfung einerseits, Vervollkommnung andererseits. Vom Denken, dass sich gegen die negative Totalität des Kapitalismus und gegen die Klassenherrschaft richtet, ist wenig geblieben, stellt auch Hindrichs fest. Er nimmt nicht nur Habermas mit seiner BRD-Verherrlichung, sondern auch Herbert Marcuse mit seiner Pippi-Langstrumpf-Philosophie in die Pflicht. War kritische Theorie einst Aufklärung über das gesellschaftliche Schicksal von Theorie, so ist sie es heute zunächst über ihr eigenes.

Folgt man Hindrichs, so wäre aber die Krise der weltweiten gesellschaftlichen Ordnung der Einsatzpunkt eines Denkens, das sich nicht in liberalen Sonntagsreden erschöpft und unnachgiebig den Blick auf die Folgen des Fortschritts richtet - ohne plump zu moralisieren. Beispiel Kulturindustrie: Der Dienst am Kunden wird zu dessen Betrug. Was will der Kunde, fragen inzwischen auch die Wahlforscher, um jegliche Politik in Statistik aufzulösen. Was will der Nutzer, fragen die Datenanalysten, um jeden Artikel im Internet mit Lesehinweisen zur Lesezeit wie Knöpfchen zur Reaktion - Zustimmung und Ablehnung, wütend, traurig oder überrascht - zu versehen, um genauestens zu evaluieren, was klickt. Niemals aber darf der Kunde, Konsument oder Nutzer mit etwas konfrontiert werden, was über seine Erfahrung hinausgeht, das ist das größte Tabu, während zugleich kein anderes mehr gilt. Wahrheit ist im Zeitalter der permanenten Evaluation obsolet. Kommunikation hingegen ist das Gute selbst, das weiß sowohl die Human-Resources-Chefin wie der Paartherapeut. Philosophisch veredelt hat es Habermas, dessen Philosophie nur zu gut zum kommunikativen Kapitalismus passt. Bloß kann sie nicht mehr begreifen, warum der gerade aus sich selbst heraus explodiert.

Es ist, und das ist die Moral der Geschichte, nicht unerheblich, mit welchen geistigen Waffen man in den Kampf zieht. Marxismus und Psychoanalyse sind die geeigneteren, und das wissen am besten all jene, die solches Werkzeug zu fürchten hätten und deswegen mit Kommunikations-, Anerkennungs- oder Lebensformtheorie gut leben können. Die Provokation allerdings, die die kritische Theorie noch immer darstellt, ist ihr durch die Negation vermitteltes Festhalten an der Umwälzung rückschrittlicher Produktionsverhältnisse. So begriffen ist sie, so Hindrichs, nicht nur Revolution der Denkart, sondern zugleich Denkart der Revolution.

Gunnar Hindrichs: Zur kritischen Theorie. Suhrkamp, 267 S., br., 20 €.

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