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Von Gurus und Prognosen

Sieben Tage, sieben Nächte: Im Kapitalismus kommt es nicht auf das Verstehen an, sondern auf das Vorwegnehmen, meint Stephan Kaufmann

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 2 Min.

In dem Roman »Die Tigerfrau« von Téa Obreht taucht der Arzt Gavran Gailé auf. Als »der Mann, der nicht sterben kann« hat Gailé ein spezielles Verhältnis zum Tod. Dieser ereilt ihn zwar nie, doch verfügt Gailé über die Gabe vorherzusehen, wann andere sterben werden. Seinen Patienten teilt er am Krankenbett mit, ob sie überleben werden. Viel mehr tut er nicht. Dennoch sehen die Menschen in ihm einen »hervorragenden Arzt«. Zwar heilt er nicht, er stellt nicht mal Diagnosen, nur Prognosen. Damit aber erlöst er die Menschen von der Qual der Ungewissheit und gilt als »Wundertäter«.

Figuren wie Gailé existieren auch in der Wirtschaftswelt. Man nennt sie »Börsenguru« oder »Crash-Prophet«. Sie haben ein Ereignis vorhergesagt und allein auf dieser korrekten Prognose beruht ihr guter Ruf: Man glaubt ihren Worten. Denn aus der korrekten Vorhersage der Zukunft schließt das Publikum, die »Visionäre« verfügten über eine tiefere Kenntnis der Gegenwart und daher über eine spezielle Methode des Erfolgs. »Die Musk-Methode« titelt derzeit ein Magazin.

Was in den Naturwissenschaften zutreffen mag - wer weiß, wie etwas funktioniert, der weiß auch, was passieren wird - das ist in der Wirtschaftswelt ein sehr loser Zusammenhang. So kann man wissen, wie der Kapitalismus funktioniert, doch bedeutet das nicht, dass man das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr korrekt prognostiziert. Man kann umgekehrt auch eine Prognose stellen, die dann eintritt, und dennoch ein völlig verqueres Bild von der Welt haben. Weder beweist die erfolgreiche Prognose die Güte der Analyse, noch wird diese von einer falschen Prognose widerlegt. Wer heute einen Börsencrash 2021 vorhersagt, weil Aliens die Erde erobern, der hat schlicht nicht recht gehabt, auch wenn der Crash eintritt. Und wer eine Fehlprognose trifft, hat nicht unbedingt »geirrt«.

Dennoch machen sich die Menschen lustig über die Fehlprognosen der Ökonomen und bewundern jene, von denen es heißt, sie hätten Künftiges »vorhergesehen«. Das mag daran liegen, dass es im Kapitalismus nicht auf das Verstehen ankommt, sondern auf das Vorwegnehmen. Wer heute Geld anlegt - in einer Fabrik oder an der Börse - der wird nicht reich durch das überlegene Wissen um die Gegenwart, sondern durch die Annahme von Ereignissen, die eintreten.

Der Kapitalismus ist keine Planwirtschaft, er beruht auf Spekulation, sein Finanzmarkt ebenso wie seine »Realwirtschaft«. Diese Spekulation bezieht sich auf die Anarchie des Marktes und kann daher dessen Ergebnisse nie vorhersagen. Die daraus folgende allgemeine Unsicherheit zu kompensieren, ist Aufgabe der Wirtschaftsgurus. Sie personifizieren den Glauben an eine potenzielle Beherrschbarkeit des Systems. Sie verkaufen Kontrollillusionen.

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