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Maradona und die zweite Welle

Öffentliche Trauer um das Idol treibt Corona in Argentinien

  • Von Jürgen Vogt, Buenos Aires
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die Betten füllen sich bereits«, sagte die Krankenpflegerin, die ihren Namen lieber nicht in einer Zeitung lesen möchte. Mit dem Anstieg der Ansteckungskurve wächst die Sorge in den Krankenhäusern. »Wenn Ende März das eintritt, was wir jetzt aus Europa zu hören bekommen, dann gnade uns Gott«, prophezeite sie.

Noch hat das Gesundheitssystem die Lage unter Kontrolle und stehen ausreichend Intensivbetten zur Verfügung. Doch die spiegelverkehrten Jahreszeiten in Europa und Südamerika lassen Schlimmes erahnen. »Im Sommer waren die Europäer so sorglos mit den Schutzmaßnahmen umgegangen, wie jetzt die Argentinier«, so die Krankenpflegerin in einem städtischen Krankenhaus in Buenos Aires.

Argentinien erlebt die zweite Coronawelle. Täglich werden bis zu 14.000 Neuinfektionen gemeldet. Die Zahl der Todesfälle pendelt zwischen 100 und 200 am Tag. Vor allem in und um die Hauptstadt steigt die Ansteckungskurve dramatisch an. Am Mittwoch meldete Buenos Aires mit 9 541 Neuinfektionen den höchsten Sieben-Tage-Wert seit Beginn der Pandemie.

Die gut gefüllten Strände entlang der Atlantikküste bieten dem Virus gute Verbreitungsbedingungen. Das Paradebeispiel dafür ist ausgerechnet Buenos Aires’ Bürgermeister Horacio Rodríguez Larreta. Nach einem Kurzurlaub an der Küste wurde der Amtsinhaber der Hauptstadt positiv auf das Virus getestet.

Die zu Beginn der Pandemie von Präsident Alberto Fernández angeführte Allianz der konsequent handelnden Verantwortlichen ist zerfallen. Längst gleicht Argentinien einem unübersichtlichen Flickenteppich. Um die steigende Zirkulation des Virus wenigstens zu verlangsamen, hatte der Präsident vergangene Woche eine nächtliche Ausgangsperre von 23 bis sechs Uhr angeregt, konnte sich aber nicht durchsetzen. Statt einer landesweit geltenden Regelung macht ab eins jeder seins.

Während etwa in den Provinzen Santa Fe und Chaco seit vergangenen Montag eine strikte nächtliche Ausgangsperre gilt, weigerte sich die Provinz Córdoba jedwede Beschränkung zu erlassen. In Buenos Aires müssen Bars und Restaurants zwar von eins bis sechs Uhr schließen, aber niemand wird gezwungen, zu Hause zu bleiben. Ähnliches gilt für den Großraum um Buenos Aires und die Atlantikküste. Inzwischen stehen für viele Gouverneure das Überleben des Dienstleistungssektors und die Rettung der Sommersaison in den Touristenorten an erster Stelle.

Nach dem Rekordhoch am 21. Oktober mit 18 326 gemeldeten Neuinfizierten hatte sich die Kurve der täglich gemeldeten Infizierten zu Anfang Dezember stetig bis unter die 4000er-Marke abgeflacht. Mediziner*innen und Virolog*innen datieren den Beginn der zweiten Welle auf den 26. November, den Tag der Trauerfeierlichkeiten um den verstorbenen Diego Maradona. Wenn auch unter freiem Himmel, hatten sich doch Zehntausende Menschen auf engsten Raum versammelt, um Abschied von ihrem Idol zu nehmen.

Zehn Tag nach Maradonas Beerdigung begann die Kurve nach oben zu zeigen. Weitere mutmaßliche Superspreader waren die rege besuchten Für- und Gegendemonstrationen während der Verabschiedung des neuen Abtreibungsrechts durch den Kongress kurz vor Jahresende. Und mehr noch als die Familienfeier an Weihnachten und Neujahr gelten die klandestinen Massenpartys von Jugendlichen und jungen Erwachsenen als ideale Ansteckungsorte. Denn die Clubs für das sommernächtliche Abhotten sind wegen Corona geschlossen und die Infos über illegal organisierte Feten verbreiten sich in den sozialen Medien schneller als das Virus.

Es ist nur ein schwacher Trost, dass der Wiederanstieg der Infiziertenzahl auch auf ein verstärktes Testen zurückzuführen ist. Die in die Impfstoffe gesetzten Hoffnungen haben sich noch nicht erfüllt. Ein Abkommen mit dem Impfstoffhersteller Pfizer war auf den letzten Verhandlungsmetern ohne genaue Angabe von Gründen gescheitert. Von dem groß angekündigten Impfstoff von AstraZeneca, der auch in Labors am Río de la Plata hergestellt wird, ist nur noch wenig zu hören.

Lediglich 300 000 Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V wurden bisher eingeflogen. Bei den hochsommerlichen Temperaturen erfordert dessen Lagerung bei mindestens minus 18 Grad eine aufwendige Logistik, weshalb auch schon einige Hundert Dosen unbrauchbar wurden. Nur knapp über 110 000 der 44 Millionen Argentinier*innen sind inzwischen geimpft.

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