Naives Gedächtnis, Härte zum Vergessen

Sieben Tage, sieben Nächte zur Coronakrise

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Winter, hieß es vor dem Jahreswechsel immer wieder, werde hart. Wie sich diese Härte ausdrückt, das wusste wiederum niemand ganz genau. Das ist in jedem Winter so: Man weiß zwar vorher, dass es kalt und dunkel wird - aber wie stechend der Schmerz in den Fingern und an den Ohren dann wirklich ist oder wie tiefgehend die Bedrückung, die sich an manchen Tagen um 15.52 Uhr einstellt, wenn es wirklich überhaupt nicht hell wird, das weiß man vorher nicht, da ist die Erinnerung gnädig. Ähnlich der Unfähigkeit, Schmerz noch einmal exakt nachzuempfinden.

Das Pandemiegedächtnis der meisten Menschen ist dagegen nicht einmal gnädig - es ist analog dem Immunsystem »naiv«, es gibt schlicht keine Erfahrungswerte. Und so konnte man versuchen, sich innerlich gegen das Unbekannte zu wappnen, das da wohl kommen würde - aber ohne jede Vorstellung, welche Melodie man denn im dunklen Coronawald pfeifen sollte. Und so ist denn auch die immer schriller klingende Kakophonie zu erklären. Die einen pfeifen auf das Virus, die anderen auf die Experten und immer mehr auf alles. Und gleichzeitig legt sich eine gewisse Mattigkeit übers Land - es ist doch alles tausendfach gesagt, erklärt, verstanden und doch nicht umgesetzt.

Die Härte dieses ersten richtigen Coronawinters - das ist nicht die Aussicht, dass es in den nächsten Monaten irgendwie »schlimm« bleibt, was zweifelsohne so ist. Die Härte liegt in der Erkenntnis, dass daran nichts zu ändern ist, egal wie gut die Ideen und Konzepte sind. Die Gegenwart ist das Ergebnis vergangener Entscheidungen und Taten, die den Korridor der möglichen Zukunft drastisch verengen. Konkret: Eine Idee wie »ZeroCovid« ist fantastisch im doppelten Sinne - eine Zielsetzung, durchdacht und gleichzeitig realitätsfern, mit totalitären Zügen. Die Härte dabei ist: nun auch zu erkennen, was alles ginge, wäre es nicht, wie es ist.

Es gibt seit einem Jahr keine verlässlichen Zahlen zur Pandemie. Noch nicht einmal Gewissheit, wo sehr viele Übertragungen stattfinden. Zusammenfallenden Schulen mit mickrigen, wenn überhaupt vorhandenen Internetverbindungen wird von irrlichternden Kultusministerinnen (Männer mitgemeint) verboten, kreativ zu sein. Politik agiert wankelmütig nach dem Opportunismusprinzip, das noch nie ein Virus nicht interessiert hat. Es scheint, eine alternde Gesellschaft hätte entschieden, von der immer dünner werdenden geistigen und materiellen Substanz zu leben, ohne Pfründe anzutasten. Auch unter Pandemiebedingungen soll alles bleiben, wie es ist. »ZeroCovid« wird Illusion bleiben - gescheitert spätestens am Faxgerät einer Behörde. Was für eine Idee, die Menschen in »rote und grüne Zonen« einteilt und festhalten will, vielleicht nicht das Schlechteste wäre. Durchwurschteln ist die einzig realistische Realität. Auch wenn dessen Härte zum Vergessen ist. Stephan Fischer

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