Der letzte Kommunist

André Müller sen. ist gestorben: Er schrieb Stücke, Anekdoten, Romane, Shakespeare-Analysen und Briefe mit Peter Hacks

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 3 Min.

1961 wurde, nach dem Mauerbau, in der BRD ein Boykott gegen die Stücke Bertolt Brechts organisiert. Einer, der sich mit seiner Schrift »Kreuzzug gegen Brecht« dagegen wandte, war André Müller sen. - Gründer und Vorsitzender des Arbeitskreises Bertolt Brecht. Obwohl Brecht als kommunistischer Künstler von dauerhaftem Einfluss blieb, war der 1925 geborene Willi Fetz - er nannte sich André Müller, sen. fügte er in Anspielung auf den österreichischen Theaterkritiker hinzu - zu dieser Zeit schon auf dem Weg von Brecht hin zu einer sozialistischen Klassik. Dass er sich von Brecht löste, hatte auch mit einem zu tun, der zeitgleich denselben Weg einschlug: Peter Hacks. Der war 1955 unter dem Einfluss des weltberühmten Theatererneuerers von München nach Ost-Berlin gegangen, proklamierte aber alsbald seine eigene Ästhetik. Zwei Jahre nach dem Umzug (und somit ein Jahr nach Brechts Tod) setzte die Korrespondenz zwischen Hacks und Müller sen. ein, die bis zum Tod von Hacks im Jahre 2003 anhielt. Hier hatten sich zwei gefunden, die füreinander Lebensmenschen waren.

In dem Briefwechsel geht es um Weltpolitik, insbesondere die kommunistische, und Kunst - von der spanischen über die elisabethanische bis zur französischen Klassik. Zeitgenössisches findet auch Erwähnung, seltener allerdings lobende. Dass dieser Austausch nicht nur privativ, sondern für eine Mit- und Nachwelt geführt wurde, zeigte allein die Herausgabe der Korrespondenz der Jahre 1989 und 1990 unter dem Titel »Nur daß wir ein bisschen klärer sind« (wie der gesamte Briefwechsel im Eulenspiegel-Verlag verlegt). Zwei Kommunisten in Ost und West, die sich einen Reim auf die Welt zu machen versuchen. »Ansonsten lebe ich schlecht«, schreibt Müller sen. »Die Weltlage ermüdet«, antwortet Hacks. »Die Weltlage ist undiskutabel«, setzt Müller noch einen drauf. Der eine verzweifelt an der DKP, der andere an der DDR. Und beide an Gorbatschow und der »Konterrevolution«. Doch behielten sie ihren Humor.

Müller sen. schrieb wie Hacks auch Stücke für die Bühne, so »Das letzte Paradies« (1973), das Lustspiel »Daphnis und Chloe« (1985) und die Komödie »Mobuto« (1991). Mit »Am Rubikon. Die schaudervollen Vorkommnisse in der Kommune V« (1987) legte er einen dramaturgisch raffiniert gebauten Roman über die 68er vor, mit »Anne Willing. Die Wende vor der Wende« (2007) folgte ein weiterer Roman über die Umbrüche in den 70er Jahren der DDR mit einem Seitenblick auf die BRD. Müller sen. galt zudem als glänzender Erzähler von Anekdoten, er hat mehrere Bände damit gefüllt und veröffentlicht. Die geistreiche und lustvolle Pointe lag ihm - und er kultivierte sie. Und auch der Erwähnung von siebengängigen Menüs ist zu entnehmen, dass Müller sen. den sinnlichen Genüssen zeitlebens zugeneigt war - und zudem auch wusste, was das mit Marx zu tun hat.

Müller sen. war nicht nur Autor, nach einer Ausbildung zum Tischler arbeitete er unter anderem als Theaterkritiker. Seine Kenntnisse der Dramaturgie konnte er von 1973 bis 2006 als Dozent an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule vermitteln. Er war außerdem ein profunder Kenner des Werks von William Shakespeare. Sowohl »Shakespeare ohne Geheimnis« (1980) als auch »Shakespeare verstehen« (2004) sind uneingeschränkt zu empfehlen, wenn man verstehen will, was in den Stücken Shakespeares verhandelt wird. Müller sen. erweist sich in seinen Werkanalysen als präziser und historisch wie politisch informierter Leser. »Kommunismus ist die Zeit, wo Shakespeare verstanden wird«, schrieb Hacks einst. »Der Leser sieht, warum mir an André Müllers Arbeit gelegen ist.«

Am 21. Januar dieses Jahres ist André Müller sen. im Alter von 95 Jahren in Köln verstorben, wie die Familie mitteilte.

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