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Obdachlose erhalten Wärme-Anzüge

Kein Schutz vor Ansteckung, Kälte und Gewalt - Obdachlose sind im Pandemie-Winter besonders gefährdet

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit einer Mischung aus Mantel und Schlafsack will die Caritas in Berlin Obdachlose vor der Kälte schützen. Vorerst 80 sogenannte Sheltersuits aus wind- und wasserabweisendem Stoff sollen von Montag an in Berlin an Menschen, die auf der Straße leben, verteilt werden. Dabei handelt es sich um eine Art Zelt zum Anziehen mit einer großen Kapuze mit eingenähtem Schal, der untere Teil lässt sich zu einer Decke umwandeln. »Die Sheltersuits sind eher eine Notfallhilfe. Das eigentliche Ziel ist es, die Menschen von der Straße zu bekommen«, sagte ein Caritas-Sprecher.

Das wärmende Kleidungsstück, das unter anderem aus alten Schlafsäcken und Zelten besteht, soll Menschen vor dem Erfrieren schützen. Dafür sollen Obdachlose berlinweit aufgesucht werden. »Unsere Mitarbeiter wissen sehr gut, wo sich Wohnungslose aufhalten und wer Hilfe benötigt«, so der Sprecher. Die Aktion finde in Zusammenarbeit mit der niederländischen Sheltersuit Foundation statt, deren Gründer Bas Timmer das Kleidungsstück entworfen hat.

In der Pandemie hat sich die Situation für Obdachlose in Berlin verschlechtert, weil beispielsweise Kältestuben geschlossen sind. Bei der ersten Obdachlosen-Zählung wurden im vergangenen Januar rund 2000 Menschen erfasst. Sozialverbände schätzen die Zahl höher ein. In der vergangenen Woche waren von rund 1100 Notübernachtungsplätzen im Schnitt 990 belegt, wie die Kältehilfe auf nd-Anfrage mitteilte. »Wir sehen bei den jetzigen kalten Temperaturen eine noch höhere Auslastung und hoffen, dass das Angebot zeitnah erweitert werden kann«, so Sprecherin Sabrina Niemietz.

Dirk Dymarski war selbst jahrelang in der Hauptstadt obdachlos und ist in der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen aktiv. Er fordert angesichts der Pandemie neue Lösungen. »Es ist unbedingt erforderlich, die Menschen noch stärker in leerstehenden Hostels und Ferienwohnungen unterzubringen«, so Dymarski zu »nd«. Zum Start der Kältehilfesaison waren im November drei Hostels in Treptow-Köpenick, in Friedrichshain und in Pankow für Obdachlose geöffnet worden – allerdings öffnen diese erst abends. Bei den aktuellen Minustemperaturen bräuchten die Menschen jedoch auch tagsüber Orte, wo sie sich aufhalten können, so Dymarski.

Der ehemalige Wohnungslose fordert, leerstehenden Wohnraum für Obdachlose zu nutzen, statt diese in der Pandemie noch rauszuwerfen, wenn sie sich in ihrer Verzweiflung Leerstand aneignen, wie es in der Habersaathstraße der Fall war. »Eigentlich wäre genug Platz da«, so Dymarski.

Am Wochenende hatte ein breites Bündnis mit einer Mahnwache vor dem Roten Rathaus auf Obdachlosigkeit und ihre Folgen aufmerksam gemacht. Die Veranstalter fordern die Beschlagnahmung von leerstehendem Wohnraum und dessen Nutzung für Obdachlose. »Leben auf der Straße bedeutet, auch wenn man nicht erfriert, in der Regel den früheren Tod. Eine Wohnung ist für ein würdiges Leben nötig«, heißt es in einer Mitteilung. Notunterkünfte würden zwar nachts Schutz vor der Kälte bieten, aber nicht vor Ansteckung und Gewalt.

Erst in der Nacht zum Sonntag waren zwei schlafende Obdachlose angegriffen worden. Laut Polizei soll ein Mann einen E-Scooter auf einen der Männer geworfen, den anderen mehrfach getreten und sich herablassend über die Obdachlosen geäußert haben. Erst als ein Zeuge dazwischen gegangen sei, habe der der aggressive Mann von seinen Opfern abgelassen und sei geflüchtet. Die 52 und 60 Jahre alten Männer mussten daraufhin von Rettungskräften der Feuerwehr behandelt werden, die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung. Mit Agenturen

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