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  • »Der nackte König«

Zwischen Traum und Trauma

Das Filmessay »Der nackte König« von Andreas Hoessli ist eine persönliche Spurensuche nach dem mitreißenden Sog von Revolutionen

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

Endet jedes Tages Reise unweigerlich in der Nacht? So wie jede Nacht wieder in einen Morgen mündet, könnte man im Vertrauen auf die Dialektik der Geschichte entgegnen. Aber was wir in Andreas Hoesslis eindrucksvollem filmischen Essay »Der nackte König« erfahren, entzieht sich den abstrakten Zuordnungen, das ist eine sehr persönliche Spurensuche zwischen Zürich, Warschau und Teheran. Aus dem Off hören wir die Preisung »Oh Kyros, großer König, König der Könige...« Ist damit nur der Schah von Persien gemeint, der sich göttergleich vorkam und für das Volk nur Verachtung übrig hatte? Wir hören Bruno Ganz als Erzähler, der uns durch dieses Geschichtslabyrinth führt - eine der letzten Arbeiten vor seinem Tod.

Während dieser Eingangsszene, einer nächtlichen Fahrt durch Warschaus Straßen, erfahren wir, dass der Schweizer Regisseur bereits 1978 hierhergekommen war, mit einem Doktorandenstipendium. Er forschte über Machtstrukturen und geriet, als er sich für die Gewerkschaft Solidarność zu interessieren begann, unweigerlich ins Visier des polnischen Geheimdienstes. Dieser führte ihn dann als »Figurant«, das ist eine Person, die für die eigenen Zwecke »benutzbar« scheint und als Spion angeworben werden soll - mit allen Mitteln, auch denen der Erpressung und Zersetzung.

Warum muss das schöne revolutionäre Ideal, das von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller träumt, eigentlich immer in die Hände von bezahlten Zuhältern der Macht gelangen, die es ohne zu zögern zerstören und dabei über Leichen gehen? Diese Frage treibt Hoessli seit damals um. Die kommenden eindreiviertel Stunden seines ebenso präzisen wie melancholisch grundierten Filmessays sind dann auch vom Gestus des Suchens geprägt. Keine fertigen Wahrheiten. Doch das Bewegungsgesetz einer Revolution interessiert ihn weiterhin. Inmitten der Auflösung des Alten schon das Neue aufscheinen zu sehen! Aber warum ist es immer so, als habe die Revolution sich in ihrem Verlauf gegen sich selbst gerichtet, die Ideale ihres Anfangs verraten - oder mit Wolfgang Leonhard gesprochen: Warum frisst sie ihre Kinder?

Hoessli weiß wohl, dass er, wenn er mit ehemaligen Reformern, Geheimdienstlern, Gewerkschaftern, Schriftstellern oder »Revolutionswächtern« spricht, sich in die Regionen der widerstreitenden Erinnerungen begibt. Darum gibt er den verschiedenen Stimmen an den verschiedenen Schauplätzen viel Raum und überlässt es dem Zuschauer zu urteilen. Seine Aufgabe ist fast unlösbar, wie er weiß: »Wie kann ich ein System heute beschreiben, das nicht mehr existiert?«

In Warschau begegnete Hoessli damals die Reporterlegende Ryszard Kapuściński. Der war gerade auf dem Weg nach Teheran. Denn dort gab es 1978 Massendemonstrationen und Streiks gegen den Schah. Kapuściński sehen wir auch in einem Fernsehinterview von 1976. Da antwortet er auf die Frage, ob es stimme, dass ein Autor im Grunde immer wieder denselben Text schreibe: Ja, seiner handle davon, auf welche Art und Weise Veränderungen in der Geschichte erfolgen. Mal lange Zeit gar nicht, dann mal schleichend, mal eruptiv.

Dieser Film vereinfacht wohltuender Weise nichts, ist ein breit angelegter Kommentar Hoesslis zu Kapuściński, der über Euphorie und Resignation in geschichtlichen Übergangszeiten befand: »Die Revolte befreit uns vom eigenen Ich, vom Ich des Alltags, das uns mit einem Male klein, nebensächlich und fremd erscheint.« Es sind heroische Augenblicke der Geschichte, trunkene Momente der Freiheit. Dem geht Hoessli mit all der Nüchternheit eines Schweizers nach. Übertroffen wird diese nur von den lakonischen Worten des Schahs, der mit den Worten ins Exil floh: »Ich bin müde, ich fahre in den Urlaub, bis meine neue Regierung die Lage unter Kontrolle hat.«

Dann kam auch schon der umjubelte Ajatollah Chomeini zurück aus dem Exil in den Iran, von den Massen gefeiert wie ein Messias, und sprach die Worte: »Ich schlage dieser Regierung ins Gesicht und bestimme selbst eine Regierung.« Das klang nicht nach Demokratie.

Wann kommt es überhaupt zu seiner revolutionären Situation, wann sind die Massen bereit, das Schlechte, aber Altvertraute hinter sich zu lassen und das Ungewisse zu wagen - wann überwinden sie die Angst, die sie so lange passiv gehalten hat? Auch darauf weiß dieser Film eine kluge Antwort. Das herrschende System müsse in den Augen der Masse der Menschen obsolet sein, ihre Geduld am Ende. Der Vergleich zum Prototyp aller Revolutionen, der Französischen Revolution von 1789, drängt sich auf. Sie begann gleichsam zahm mit der Forderung der Abschaffung der Privilegien des Adels und des Klerus. Doch die »Enragés«, die Wütenden um Jacques Roux, trieben den revolutionären Terror immer weiter voran, so dass der Agitator Hébert schließlich »Hunderttausend Köpfe« fordern konnte. Und der Rausch der Freiheit in einer Blutorgie endete. Die Jakobiner schickten sich gegenseitig auf die Guillotine, zuletzt verlor auch Robespierre, der unbestechliche Fanatiker der Macht, seinen Kopf. Ironischerweise stand die Kaiserkrönung Napoleons am Ende der Revolution - und der »code civil« als teuer erkaufter Fortschritt, der blieb.

Ist ähnliches auch aus Warschau und Teheran zu berichten? Da ist sich Hoessli nicht so sicher. Die Euphorie auf der Lenin-Werft in Gdańsk war groß. Plötzlich sprachen die Arbeiter offen und ohne Angst aus, dass sie die herrschende Lüge nicht mehr hinnehmen wollten. Sie streikten. Es herrschte eine neue Moral, die Menschen waren sich nah wie nie zuvor. Ebenso war es in Teheran nach dem Sturz des Schahs und bevor Chomeini den islamischen Staat ausrief. Augenblicke gelebter Freiheit. Dann begann die Verfolgung der Andersdenkenden. Aber auch sie haben doch gegen den Schah gekämpft! Ja, gestern, aber heute sind sie unsere Feinde, so war von den »Revolutionswächtern« zu hören, die mitleidlos »Abweichler« ermordeten oder außer Landes trieben.

Hoessli spricht mit allen, das macht den Film auf anspruchsvolle Weise unausrechenbar - und man ist immer wieder ratlos, wenn man die Handelnden von einst heute hört. Die Solidarność-Akteure kennt Hoessli persönlich. Anfangs scheint 1980 zu einer Art vorgezogenem 1989 zu werden. Partei- und Regierungsvertreter verhandeln mit den Arbeitern, das Prinzip »Keine Gewalt« wird von beiden Seiten respektiert und die unabhängige Gewerkschaft Solidarność zugelassen.

Hannah Arendt sprach angesichts solcherart historischer Momente von dem »verlorenen Schatz der Revolution«. Aber die Euphorie endete bald, die Angst war wieder da. Denn der Staat schlug zurück. Die Gewerkschaft wurde verboten, das Kriegsrecht ausgerufen. (Womit man allerdings dem drohenden Einmarsch der Warschauer-Pakt-Armeen, so wie 1968 in Prag, zuvorkam.) Die Selbstbefreiung der Arbeiter vom vormundschaftlichen Staat misslang. Polizei, Armee und Geheimdienst zertraten den Traum vom demokratischen Sozialismus. Die Menschen wurden sich wieder fremd, man belauerte und denunzierte sich gegenseitig. Dennoch, das Beispiel war in der Welt - und 1989 erinnerte man sich daran, nicht nur in Polen.

Aber warum scheitern diese Versuche, revolutionär mit einem einzigen großen Sprung in der Geschichte voranzukommen, regelmäßig auf so grauenvolle Weise? Es lohnt dazu Albert Camus zu lesen, der in »Der Mensch in der Revolte« schrieb: »Die Revolution besteht darin, einen Menschen zu lieben, den es noch gar nicht gibt.« Eine heroische Fiktion also, statt des ewigen Mängelwesens aus Fleisch und Blut. Wer Veränderungen, auch grundsätzlicher Art in der Gesellschaft will, muss das immer neu bedenken. Hoesslis »Der nackte König« ist dazu ein unbedingt sehenswerter, weil die unaufhebbaren Ambivalenzen von Handeln sichtbar machender Beitrag.

»Der nackte König - 18 Fragmente über Revolution«: Schweiz, Polen, Deutschland 2019. Regie und Drehbuch: Andreas Hoessli. 108 Minuten. Kinostart: Ab 11. Februar im W-Film online-Kino (auf www.wfilm.de).

Kostenfreie Online-Premiere: Mittwoch 10. Februar um 20.30 Uhr. Special Guests im anschl. Filmgespräch: Andreas Hoessli (Regisseur) und Frank Bösch (Historiker)

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