Portugal guckt in die Röhre

Lockdown verschärft trotz vorbildlichem Schulfernsehen die Bildungsmisere, Lehrkräfte fordern bessere Bedingungen für den Fernunterricht

  • Von Peter Steiniger
  • Lesedauer: 3 Min.

Nach den wegen des Lockdowns vorgezogenen Ferien begann in dieser Woche in Portugal für alle Schüler der ersten bis zwölften Klassen die Schule wieder. Von einem echten Neustart für die Bildung kann in dem iberischen Land aber keine Rede sein, denn die Schulbänke bleiben weiterhin leer. Zur Eindämmung der Ausbreitung von Covid-19 hatte die Regierung zu Neujahr einen vorläufig bis zum 14. Februar geltenden Notstand verhängt, die Bewegungsfreiheit und das öffentliche Leben sind weitgehend eingeschränkt. Daher sollen auch die Bildungs- und Lehraktivitäten grundsätzlich aus der Ferne erfolgen, mindestens in dieser und der kommenden Woche. Ausnahmen gelten für Kinder von Beschäftigten in sensiblen Bereichen, solche ohne Möglichkeit, auf Distanz zu lernen sowie lernbehinderte Schüler.

Die rund 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler und deren Eltern konnten mit dem Homeschooling bereits seit fast einem Jahr Erfahrungen sammeln. Unterstützen sollen den Heimunterricht nun systematisch TV-Sendungen. Die »Telescola« auf dem öffentlich-rechtlichen Kanal RTP Memória knüpft an die Tradition des zwischen 1965 und 1987 in Portugal ausgestrahlten Bildungsfernsehens an. Von Montag bis Freitag wird zwischen 9 Uhr und 16.30 Uhr auf der Mattscheibe doziert, die jeweils halbstündigen Lehrveranstaltungen richten sich während der Vormittage an die Grundschüler, danach sind die älteren Jahrgänge an der Reihe. Die Inhalte, die wesentliche Bestandteile des Lehrplans abdecken, sind auch per Kabel, online und über eine App flexibel abrufbar. Die Palette der Angebote reicht von Portugiesisch, Heimatkunde und Kunsterziehung über Mathematik und Naturwissenschaften bis zu Wirtschaft, Geschichte, Philosophie und mehreren Fremdsprachen. Einen eigenen Platz haben auch Anleitungen zum autonomen Lernen. Eine Notlösung bleibt es, das Lernen Zuhause.

Entwickelt wurde das aktuelle Programm für die nationale Bildungsbehörde von einem Team, dem auch 40 Lehrer und fünf Gebärdendolmetscher angehören. Neben der Anstalt RTP kooperieren bei dem Projekt auch die großen portugiesischen Verlagshäuser Leya und Porto Editora mit dem Bildungsministerium. Die nun erfolgte Ausdehnung des Schulfernsehens auf die Sekundarstufe begründete dieses in einer Erklärung mit der Notwendigkeit, »einen universellen Zugang zu ermöglichen«.

Nicht zufrieden stellt die Lage die 2018 gegründete unabhängige Lehrergewerkschaft Sindicato de Todos os Professores (STOP), die ihre Mitglieder für diese Woche zum Streik aufrief. Insbesondere kritisiert sie, dass die Regierung unter dem Sozialisten António Costa vielerorts nicht die Bedingungen für echten Fernunterricht geschaffen und ihr Versprechen nicht eingehalten hat, allen Schülern Zugang zu Computern und Internet zu ermöglichen. Portugal erlebt im Bildungssektor wegen prekärer Zustände mit Lehrermangel und schlechter Bezahlung seit Jahren immer wieder Arbeitskämpfe und Proteste. Auch die große Lehrergewerkschaft Fenprof übt aktuell Kritik: Der versprochene Sozialtarif für das Internet lässt noch bis Juni auf sich warten. Fenprof verweist auch auf die schwierige Lage von telearbeitenden Lehrkräften, die selbst Kinder im Schulalter haben. Dem Bildungsministerium sandte sie einen Brief mit einem Katalog an Forderungen.

Die Lockdowns haben die Portugiesen auch in anderen Lebensbereichen hart getroffen, Ungleichheiten und soziale Probleme vertieft. Die Regierung will die Bürger mit Zusicherungen beruhigen, dass Unternehmen und Jobs vor den Auswirkungen der Corona-Maßnahmen gerettet werden - unabhängig davon, wie lange die Pandemie noch andauert. Die staatliche Hilfe werde fortgesetzt, »koste es, was es wolle«, erklärte Finanzminister João Leão Anfang der Woche vor dem Parlament. Das Land, das derzeit den EU-Ratsvorsitz innehat, wird dabei auf Gelder aus dem Corona-Hilfspaket der Europäischen Union angewiesen sein. Bildungsminister Tiago Brandão Rodrigues will die Schulen, abhängig von der Entwicklung der Pandemie, sobald wie möglich wieder öffnen. Viele Lehrer halten das für riskant. Premier Costa geht davon aus, dass die Pharmaindustrie dem Land soviel Impfstoff liefert, dass vor dem Herbst die meisten geimpft sein können. Das wird ein langer Winter am Tejo.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal