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Streit um die neue Tischtennis-Serie

Die »Grand Smashes« sollen den Sport zu neuen Höhen führen, doch die Spieler stellen sich quer. Sie fühlen sich erpresst

  • Von Sebastian Stiekel
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Idee klingt verlockend. An diesem Mittwoch beginnt in Katar eine neue Turnierserie im Tischtennis, die sich an den lukrativeren Sportarten Tennis und Golf orientiert. Geplant sind vier Topwettbewerbe pro Jahr, die nicht »Grand Slam« sondern »Grand Smashes« heißen. Dazu soll es mehr Geld für die Spieler, mehr Unterhaltung und - wenn die Pandemie vorbei ist - sogar Turniere vor den Pyramiden von Gizeh oder der Skyline von New York geben. Allein: Das Großprojekt »World Table Tennis« (WTT) hat schon vor dem ersten Ballwechsel in der Lusail Sports Arena von Doha für so viel Ärger gesorgt, dass der nur noch schwer zu bereinigen sein wird.

Da ist zum einen der Groll der Spieler. Vor allem die europäischen Stars fürchten, dass ihnen die WTT-Turniere künftig die Zeit für die Olympia- oder WM-Vorbereitung und vor allem für die Spiele mit ihren Vereinsteams rauben werden. »Die WTT-Termine werden reingeknallt, und die Bundesliga muss sehen, wie sie ihre Spiele drum herum stattfinden lässt. Das ist nicht fair«, sagte Europameister Timo Boll in dem Podcast »Ping, Pong & Prause« des Deutschen Tischtennis-Bundes. »Für die meisten Spieler ist der Hauptarbeitgeber immer noch der Verein. Es ist für sie schwer zu entscheiden: Halte ich dem die Treue oder will ich die internationalen Turniere spielen und um meinen Platz in der Weltrangliste kämpfen? Da fühlen sich viele ein bisschen erpresst.«

Und dann wäre da noch der Ärger der Verbände. Schon vor mehreren Wochen beauftragten der Weltverband ITTF und sein deutscher Präsident Thomas Weikert eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, um ihre eigene Tochtergesellschaft WTT zu beleuchten. Der Vorwurf vor allem des Deutschen Tischtennis-Bundes: WTT habe an den Mitgliedsverbänden der ITTF vorbei viel zu viel Einfluss bekommen.

Die Wirtschaftsprüfer bestätigen diesen Vorwurf nicht. »WTT ist in rechtlich einwandfreier Weise errichtet worden«, sagte Weikert der Deutschen Presse-Agentur. Jetzt geht es aber immer noch darum, das Vertrauen wieder herzustellen. Vor allem die Rettung der europäischen Ligen ist Weikert als ehemaligem Bundesligaspieler ein Anliegen: »In Europa werden die Spieler vor allem in den Vereinen entwickelt. Damit das so bleibt, muss eine Balance gefunden werden.«

Mitten in diesem Streit ist der deutsche Bundestrainer Jörg Roßkopf mit insgesamt zwölf Spielerinnen und Spielern nach Katar geflogen, um an dem »WTT Contender« vom 3. bis 6. März sowie an dem »WTT Star Contender« (8. bis 13. März) teilzunehmen. Die WTT-Turniere sind in fünf verschiedene Kategorien unterteilt, der erste »Grand Smash« ist wegen der Corona-Pandemie aber noch nicht einmal terminiert worden. Timo Boll und andere Stars haben ihre Teilnahme in Doha frühzeitig abgesagt.

»Wir geben WTT eine Chance«, sagte Roßkopf nun. »Aber es muss einen Dialog mit den Spielern, Trainern und Verbänden geben.« Sein erster Eindruck ist jedenfalls ziemlich verheerend: Die Anti-Corona-Maßnahmen bei der WTT-Premiere nannte der frühere Doppelweltmeister »sehr grenzwertig. Es graut einem fast, in die Trainingshalle zu gehen, so eng tummelt sich alles aufeinander.«

Die Planung der neuen Turnierserie stört ihn ebenfalls. So will »World Table Tennis« noch vor den Olympischen Spielen im Sommer mehrere Turniere in China austragen. Dort teilzunehmen und sich an die aktuellen Corona-Verordnungen zu halten, würde für die deutschen Nationalspieler aber bedeuten, mitten in ihrer unmittelbaren Olympiavorbereitung zwei Wochen lang nicht trainieren zu können.

»Ein Turnier über zehn Tage anzusetzen, und ein «Grand Smash» auf dieselbe Stufe mit Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zu heben: Das sind Tennisverhältnisse«, sagte Roßkopf. »Wir sind aber Tischtennis. Da kann man nicht einfach «Copy und Paste» machen.«dpa/nd

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