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Nicht genug Porto

ZIRKUS Europa

Wäre mal wieder Zeit für eine Sensation. Finden sie in Porto, wo der heimische FC am Dienstag gern Juventus Turin aus dem Achtelfinale der Champions League kicken würde. Das wird schwer, aber keineswegs unmöglich nach Portos 2:1-Sieg im Hinspiel vor zwei Wochen. Juventus steht für das Establishment, das den europäischen Fußballzirkus so berechenbar gemacht hat mit den immer selben Siegern aus den vier großen Ligen. Die letzte große Überraschung ist stolze 17 Jahre alt und ereignete sich in der Arena auf Schalke (ja doch, da wurde auch mal richtig großer Fußball gespielt).

Zum Finale traten dort am 26. Mai 2004 der FC Porto und AS Monaco an - zwei eher unscheinbare Mannschaften aus eher unscheinbaren Ligen. Sérgio Conceição war damals mit dabei, wenn auch nur als Komparse. Weil er erst im Januar 2004 nach Porto gewechselt war und in der Gruppenphase schon für Lazio Rom gespielt hatte, durfte der Torjäger den 3:0-Sieg seiner Kollegen nur als Zuschauer bejubeln. Egal: »Ich habe zur Gruppe gehört und mitgeholfen, die Meisterschaft und den Pokal zu gewinnen«, sagt Conceição heute. Aber das müsse zurückstehen vor den Herausforderungen der Gegenwart. Sérgio Conceição leitet im nunmehr dritten Jahr als Trainer den FC Porto an, als später Nachfolger jenes Mannes, dessen große Karriere 2004 mit dem Sieg in der Champions League ihren Anfang nahm.

Auf Schalke betrat zum ersten Mal José Mourinho die ganz große Bühne. Einer, der den Fußball bis heute prägt. Mehr mit seiner Aura denn mit seiner Vorstellung vom Fußball, die reduzierte sich schon 2004 auf wenig spektakuläre Verteidigungskunst. Porto war ein Überraschungssieger, aber keiner, dem die Herzen zuflogen. Der Erfolg war das Ergebnis sturer taktischer Disziplin, basierend auf Mourinhos Ordnungsliebe und einem gnadenlos effizienten Defensivverbund, den der portugiesische Maestro als »meine Diamantenformation« pries.

Ein seltsames Fußballjahr war das. Eines, in dem die europäischen Granden früh und reihenweise ins Trudeln kamen. Der FC Barcelona hatte sich gerade mal so für den Uefa-Cup qualifiziert (wo schon im Achtelfinale gegen Celtic Glasgow Endstation war). Die Vorjahresfinalisten Juventus Turin und AC Milan scheiterten in Achtel- und Viertelfinale an Deportivo La Coruña, der FC Bayern schied gegen Real Madrid aus und Real Madrid gegen Monaco. Das Halbfinale der Außenseiter aus La Coruña, Monaco und Porto komplettierte der FC Chelsea, der zu diesem Zeitpunkt auch noch kein europäisches Schwergewicht war. Roman Abramowitsch hatte gerade erst die Macht an der Stamford Bridge übernommen, mit den bekannten Folgen für die künftigen Kräfteverhältnisse in England und darüber hinaus.

Das Finale von Schalke geriet zur großen Inszenierung des José Mourinho, der nach dem leichten Sieg immer wieder betonte, er wolle nicht über seine Zukunft reden - und doch nichts anderes tat. In zweieinhalb Jahren hatte er mit Porto den Uefa-Cup (2003), zweimal die Meisterschaft, einmal den Pokal und zum Abschied auch die Champions League gewonnen. Sein Wechsel zum neureichen FC Chelsea war längst ein offenes Geheimnis, aber Mourinho kokettierte noch ein wenig und gab den Vollzug erst nach der Rückkehr nach Portugal bekannt.

Seit 2004 stellen wieder ausschließlich die üblichen Verdächtigen aus Barcelona, Chelsea, Manchester, Mailand, München, Liverpool und Madrid den Champions-League-Sieger. Der FC Porto darf immer noch mitspielen, stand aber nie wieder im Verdacht einer Sensation. Und dieses Mal? Es gibt eine aus portugiesischer Sicht nicht ganz unwesentliche Koinzidenz zum Jahr 2004. Auch damals ging es im Achtelfinale gegen eine europäische Supermacht. Porto siegte gegen Manchester United, wo Cristiano Ronaldo gerade seine erste Saison in der Champions League absolvierte. Heute steht Portugals Nationalheld im Herbst seiner Karriere und schießt seine Tore für Juventus Turin.

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