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»Patient Profifußball«

Wirtschaftsreport der DFL: Düstere Aussicht nach verlogener Selbstkritik

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt am Main
  • Lesedauer: 4 Min.
Was hat der Fußball falsch gemacht? Das ist die Überschrift, die die bundesweite Fanvereinigung »Unsere Kurve« ihrem Positionspapier zu einem Jahr nach Ausbruch der Coronakrise gegeben hat. Das Fazit klingt wenig schmeichelhaft. »Seit einem Jahr diskutieren Fans und Gesellschaft über notwendige Reformen im Fußball. Selbstkritik und Demut der Funktionäre entpuppen sich als Mittel zum Zweck.« Als Ramona Steding, Manuel Gaber und Christian Schmidt, drei Fanvertreter in der von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) eingesetzten »Taskforce Zukunft Profifußball« zuletzt in einem Podcast deren Ergebnisbericht besprachen, stellten sie mittendrin fest: »Wir müssen nicht mehr diskutieren, dass wir Reformen brauchen!« Wohl wahr.

Das tückische Virus hat tiefe Furchen gezogen – abzulesen in den Bilanzen der Profiklubs, die sich jedes Jahr neuer Rekorde sicher waren, die DFL-Geschäftsführer Christian Seifert dann gerne persönlich mit dem Wirtschaftsreport in der Verbandszentrale im Frankfurter Westend vorstellte. Am Dienstag musste Seifert erstmals in seiner Amtszeit einen Umsatzeinbruch der 36 Lizenzvereine kommentieren: um 5,7 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro. Die Einbußen der von neun Geisterspieltagen betroffenen Spielzeit 2019/2020 beliefen sich für die 18 Bundesligisten auf insgesamt 217 Millionen Euro. Die größte Schrumpfkur entfiel dabei auf die Zuschauerlöse, die von 520 auf 363 Millionen Euro sanken und jetzt nur noch ein Zehntel der Gesamteinnahmen ausmachten. Die Folge: Statt 14 Erstligisten konnten nur noch acht schwarze Zahlen schreiben, von den 18 Klubs in der 2. Bundesliga gar nur sieben.

Der Bundesliga-Boss konstatiert: »Und dies ist erst der Anfang.« Als Seifert im vergangenen Dezember die Ergebnisse besagter »Taskforce« präsentierte, sagte der 51-Jährige: »Letzte Saison war bestenfalls ein laues Lüftchen, jetzt aber kommt der Sturm.« In der laufenden Spielzeit droht ein Umsatzminus von einer Milliarde Euro. Bis 2022 könnten sich Fehlbeträge von zwei Milliarden angesammelt haben, wenn bis zum Sommer kein rascher Fortschritt beim Impfen eintritt und deshalb die Stadien in der kommenden Saison nicht ausgelastet werden können.

Jedes Wehklagen bei immer noch 3,8 Milliarden Euro Umsatz verbietet sich, weil die Pandemie laut Seifert ja »alle Lebensbereiche weltweit unvorbereitet getroffen hat«. Der Ligachef mahnt dennoch »ein diszipliniertes und weitsichtiges wirtschaftliches Handeln« an. Die Klubs tun sich beim Gegensteuern aber schwer. Millionengagen sind vertraglich oft über Jahre fixiert. Die Einsicht bei Spielern und Beratern hält sich noch immer in Grenzen, dass die Gehälter sinken müssen. Die Personalkosten betrugen in der vergangenen Saison 1,446 Milliarden Euro – 15 Millionen mehr als 2018/2019. Inwieweit jetzt hier freiwillige Gehaltsabstriche einwirkten, verriet die DFL nicht. Fakt ist, dass dieser Kostenblock abgeschmolzen werden muss. Am besten schnell und merklich.

Mehrere Klubs hatten bei der Spielunterbrechung im vergangenen Frühjahr so ernsthafte Zahlungsschwierigkeiten, dass ohne die Finanzspritze der Fernsehanstalten sogar die Lichter ausgegangen wären. Es kann eigentlich nicht sein, dass die Vereine so rasch an den Rand des Ruins driften, nur weil wenige Wochen mal alles stillsteht. Und nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn DFB-Mediziner Tim Meyer nicht das viel gerühmte Hygienekonzept entwickelt hätte, mit dem die Bundesliga – auch dank guter Verbindungen in die deutsche Politik – den Spielbetrieb als erste Profiliga weltweit wieder ins Laufen gebracht hatte. Zurückgegangen ist trotzdem auch die Zahl der Beschäftigten: von 56 081 auf 52 786, ein Minus von rund sechs Prozent. Nicht jeder Arbeitsplatz konnte also im Umfeld des Profifußballs erhalten werden.

Es passt vom Timing, dass die neuen Kennzahlen ein Jahr nach dem Corona-Einschlag öffentlich geworden sind. Das Rheinderby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln fand am 11. März 2020 auf Geheiß der Stadt Mönchengladbach ohne Fans statt – das erste Geisterspiel der Bundesligageschichte. Zwei Tage später sagte das DFL-Präsidium den 26. Spieltag ab, auch weil bei mehreren Klubs der Verdacht auf erste Corona-Infektionen bestand.

Viele Fans fühlten sich bald bestätigt, den zu hohen Grad der Kommerzialisierung schon lange vorher kritisiert zu haben. Im Profifußball sind aber auch ein Jahr später die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen noch nicht der Pandemie angepasst. Es wird kaum reichen, dafür nur Arbeitsgruppen zu bilden. Wie groß die finanziellen Engpässe geworden sind, belegen Landesbürgschaften, die Klubs wie Schalke 04, Werder Bremen oder Eintracht Frankfurt beantragt und bekommen haben.

Der »Patient Profifußball« kränkele noch immer, diagnostiziert die Fanvereinigung »Unsere Kurve«: »Wir möchten daran erinnern, wie aufgeladen die Stimmung vor der Pandemie war. Dem Fußball wurde am letzten Spieltag mit vollen Stadien auf unzähligen Spruchbändern dargelegt, was er falsch gemacht hat. Ist das alles schon vergessen?« Heute müsse man konstatieren: »Seit der Ball im Mai 2020 wieder rollt, ist das einzige Neue im Fußball, dass Geisterspiele zur Normalität gehören.«

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