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Die Tyrannei des Unernsten

Der Ironiker ist der Wiederkäuer des Status quo - eine Abrechnung.

  • Von Marlon Grohn
  • Lesedauer: 6 Min.

Lange vorbei ist die Phase, in der zumindest ein Teil der Menschheit wusste, dass Ironie immer Kompensation, Ausrede und Trick bedeutet. Das Trickreiche an ihr ist: Sie erlaubt ihren Anwendern, die Wahrheit auszusprechen, jedoch ohne diese als wahr anerkennen zu müssen. Das ist der wichtigste Effekt, den sie für die Psychohygiene des Einzelnen hat. So ist die Ironie beliebt als Mittel des Abblockens - von Angriffen ebenso wie von Erkenntnissen. Ironie verhindert, dass wirklich etwas geistig aufgenommen wird, alles bleibt dank ihr bloß äußerlich. Man kann sich mit der Ironie die Realität komfortabel vom Hals halten.

Ironie ist die Unfähigkeit zum Austausch mit der Welt unterm Deckmantel der Kommunikation und ist deshalb in ihren primitivsten Formen einfach das Mahnmal von gelungener Selbstverblödung. Einem Menschen, der stets unernst bleibt, ist es möglich, ständig in fremden Zungen zu sprechen, seiner intellektuellen Not schnell und einfach Abhilfe zu verschaffen, ohne sich dabei wirklich in den Ernst der Welt mit all ihren furchtbaren Konsequenzen begeben zu müssen. Das Furchtbare überlässt man lieber den Denkenden, also Unironischen, deren Botschaft übers Reale man, personifiziert zum Charakterfehler, mit diesem identifiziert. Dem Ironiker ist alles bloß Spiel, aber dieses ist ihm todernst.

Man kann mit der Ironie gar dem Gegner Recht geben, aber nur augenzwinkernd, also hinterhältig, geheuchelt. So kann man gleichzeitig angreifen, aber auch nett sein und überhaupt zur Not später alle vorigen Äußerungen zum Ausdruck so nicht Gemeinten umetikettieren. Man braucht sich so nie festzulegen, außer darauf, immer bei denen mitzublöken, die sich nie festlegen. Ironie, das ist die zur grundlegenden Gesinnung kultivierte Denkfeindschaft. Klar ist, ein solch fragiles Gerüst wird irgendwann in sich zusammenbrechen. So beruft der Ironiker im Endstadium sich aufs Grundgesetz oder fragt direkt beim Bundesministerium nach Hilfe. Irony won't feed your children, das weiß auch der Schmunzelkolumnist.

Die Ironie soll den Eindruck von Souveränität vermitteln, so als wäre der sie Verwendende ein besonders unabhängiger Geist. Doch die Unabhängigen, das sind die Abhängigsten, in diesem Falle von den Spielregeln der ironischen Haltung. Doch ist die Ironie gar keine Haltung, sondern bloßer Reflex, reine Form, der es auf Inhalt nicht ankommt. Ihr kann schlicht jeder Inhalt zum Opfer fallen, aus allem Substanziellen macht sie bloßes Verwertungsmaterial. Sie hat keinen Gehalt, sie macht sich selbst zu diesem. So wird alles ironisch, also selbstbezüglich, und die Tatsachen der Welt werden nicht mehr verarbeitet, sondern unverarbeitet an die Welt zurückgegeben. Der Ironiker ist der Wiederkäuer des Status quo.

Die Ironie ist also nichts Witziges oder Souveränes oder Großzügiges. Sie ist ein gesellschaftliches Verhältnis, ein Verhältnis zwischen Menschen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Elends gehen in die Breite, und die Flurschäden, die durch das Ironische im Bewusstsein angerichtet wurden, sind wohl für Generationen irreparabel. Denn die Ironie hat sich schon so weit hineingefressen in die Menschen, dass sie längst keine nebensächliche Marotte irgendwelcher Dandys und anderer Drübersteher mehr ist.

Ironie ist längst Alltagstotalität, eine Matrix, der schwer zu entkommen ist. Nicht bloß Satire-Magazin-Redaktionen oder TV-Clowns vom Dienst haben durch sie ihr sicheres Auskommen. Ironie ist zur Volksbewegung geworden, die längst nicht nur das Halbbildungsbürgertum oder die Caféhaus-Quartalsliteraten erfasst hat, sondern so weit um sich greift, dass naive Bauern und ehrliche Proletarier sie wie selbstverständlich anwenden. Rief eine ironische Aussage früher noch Verwunderung hervor und war provokativ, ist es inzwischen Provokation, nicht ironisch zu sein. Heute, in Zeiten, wo niemand mehr der Maske der Ironie entbehren kann, muss einer sich für Redlichkeit rechtfertigen, nicht für das Aufziehen einer ironischen Maske.

Gepaart mit einer über alle Sphären greifenden Geistesverfassung, in der schmunzelige Sprücheklopferei oder augenzwinkerndes Gekalauere zum guten Ton gehören, ist die Ironie zur derzeit führenden Ideologie der Gegenaufklärung geworden. War sie einst Merkmal von Stärke, der das Elend der Welt nicht viel anhaben konnte, ist sie heute Ausweis der Schwäche von rund um die Uhr in ihren Verdrängungs- und Verteidigungskokons gefesselten Individuen. War sie früher Verachtung des gültigen Schlechten, ist sie nun selbst die schlechte, gültige Währung der Zeit.

So wird die Selbstverständlichkeit des ironischen Habitus und mit ihr das Einfordern von Selbstironie zum Politikum: Wo nichts mehr ernst gemeint wird, hat, wer es ernst meint, nichts mehr zu lachen. Zur politischen Misere wird das, weil die Ironie die Erwartungen formt: Wer keinen Ernst mehr erwartet, also die Wirklichkeit und die Möglichkeit des Wahren von vornherein ausschließt, muss auch keine Veränderung fürchten. Auch nicht einfach ist das für jene, die trotzdem Humor haben, weil von ehemals 137 Arten des Humors überhaupt nur noch eine Handvoll geblieben ist. Wer nicht mehr fähig ist, beim Humor zu differenzieren, sieht überall bloß Ironie. Das Humorartensterben ist eines unter vielen Niedergangsphänomenen in bürgerlichen Gesellschaften, das der dringenden Abstellung bedarf. Zu befürchten ist, es gibt bald keine andere Humorart außer der Ironie - also gar keine mehr. Denn Ironie ist längst kein Humor mehr, sondern Verzweiflung, die sich wohlfühlen kann. Für die Vernunft ist es also an der Zeit, den Ironieschutt endlich abzutragen.

Die Integrität der Person, also die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Einzelnen ist das nie eingehaltene Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft an ihre Mitglieder. Dieses Versprechen darf sie sich weiter auf die Fahnen schreiben, denn längst sorgt die ironische Einstellung zur Welt und zu sich selbst dafür, dass weder Welt noch Selbst in anderem Lichte wahrgenommen werden können. So ist am Ende jeder sein eigener Parodist. Die Ironie ist der Trick, der sich gegen den Zauberer selbst gewendet hat, die Maske, die sich nicht mehr abschminken lässt: Dem ironischen Bewusstsein folgt das ironische Wesen und die ironische Menschheit, so dass Integrität und Würde nur noch für jene gelten, die ironisch leben. Doch ironisches Leben, das ist das Verweigern des Sterbenlernens - es ist kein einfacher Trick mehr, sondern Feindschaft gegenüber dem Leben selbst, und als erstes gegenüber dem eigenen.

Was erwirkt werden müsste, wäre schlicht: Ironie verbieten. Und zwar ausnahmslos. Den Leuten wird man sagen: Ihr dürft wirklich alles machen, wollen und reden. Aber unter einer Bedingung: Ihr müsst es ernst meinen, und zwar immer. Die Welt wäre gerettet.

Im Verlag Das Neue Berlin ist kürzlich das Buch »Hass von oben, Hass von unten: Klassenkampf im Internet« von Marlon Grohn erschienen.

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