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Aufstand des deutschen Spießbürgers in Stuttgart

Mehr als 10.000 Menschen der »Querdenken«-Bewegung demonstrieren am Karsamstag in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs

  • Von Paul Gäbler
  • Lesedauer: 4 Min.

Karoline Preisler steht einsam vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof. »Ich hatte COVID-19 und mache mir Sorgen um euch« steht auf einem Schild, das sie schützend vor sich hält. Vor einem Jahr war die FDP-Politikerin an Covid-19 erkrankt, noch heute kämpft sie mit den Folgen. Hier, im Epizentrum des deutschen Corona-Protestes, wird sie von tausenden Augen argwöhnisch gemustert. »Ich wünsche den Leuten, dass sie heute gesund bleiben«, sagt sie. »Corona sollte man niemandem wünschen.«

Die Stuttgarter Innenstadt ist an diesem Karsamstag nicht wiederzuerkennen. Von etwa 2.500 Teilnehmenden waren die Sicherheitsbehörden ausgegangen. Gekommen sind laut Agenturangaben mehr als 10.000 Menschen. Schon am Vormittag ist der Marienplatz brechend voll. Maskenpflicht? Mindestabstand? Fehlanzeige.

Auf Nachfrage sagt ein Polizeisprecher, man wolle die Demo »deeskalierend begleiten«. Setze man jedem Teilnehmer eine Maske auf, würde dies zu »unmittelbarem Zwang« und möglichen polizeilichen Maßnahmen führen – womit sich der Aerosol-Ausstoß noch verstärken würde. Man kann wohl sagen: alles wie immer.

Rentner in Campingstühlen

Es ist ein Schaulaufen des schlechten Geschmacks. Der Aufstand des deutschen Spießbürgers, der sich um seine Privilegien beraubt sieht. Rentner setzen sich in Campingstühle, während sie eine Bluetooth-Box mit »Maskenlos durch die Nacht« beschallt.

Pressevertreter werden von den Mitlaufenden aufgefordert, sich ihre »scheiß Maske in den Arsch zu stecken«. Ein Kind, in eine Regenbogen-Flagge eingehüllt, fragt den Reporter, wieso er denn nur Lügen verbreite.

Gegen zwölf Uhr setzt sich der Demozug schwerfällig in Bewegung. Die wenigen Polizisten wirken hilflos in ihren Versuchen, die Menschen zu lenken. Immer wieder wird die dünne Polizeikette überlaufen, die »Querdenken«-Ordner versuchen, die aufgeheizte Stimmung herunterzuspielen. »Die sind einfach wütend«, sagt einer.

Auf der Hauptstätter Straße geht es nur zögerlich voran. Der Demonstrationszug muss immer wieder stoppen, um den Anschluss an die hinteren Reihen nicht zu verlieren. Vier Polizisten auf Pferden versuchen, die Menge zu ordnen. Ein älterer Mann hat ein Backblech mitgebracht und drischt mit einem Trommelstock darauf ein.

Die Pferde werden unruhig, der Mann lacht. »Hör doch auf damit, du machst die Pferde ganz verrückt!«, ruft eine Frau ihm zu. »Ich lasse mir nix verbieten!«, gibt der Mann zurück. Eine Ordnerin ermahnt ihn. Missmutig steckt er den Trommelstock zurück in seinen Rucksack.

Gründe zum Wütendsein gibt es hinsichtlich der Corona-Politik der vergangenen Monate genug: das Versagen der Impfkampagne, die zögerliche Lockdown-Politik, die bis heute davor zurückschreckt, auch die Wirtschaft zum Shutdown zu zwingen. Die ausbleibenden November-Hilfen, die lächerlichen Unterstützungen für Studierende, die Maskenaffäre in der Union.

Aber darum geht es den Demo-Teilnehmern nicht. Wer hier unterwegs ist, hat sich schon vor längerer Zeit von allen gängigen Medien verabschiedet und in ein Paralleluniversum zurückgezogen, in dem es sich ruhig und sicher leben lässt. Sie verstehen die Welt um sie herum nicht mehr und möchten auch nichts mit ihr zu tun haben.

Schlummernde Aggression

Unter der inszenierten Friedlichkeit schlummert unterdrückte Aggression. Sie bricht plötzlich aus, vor allem, wenn einer der Anwesenden das Gefühl hat, mit »denen da oben« zu sprechen. Die Presse? Alles Antifa. Die Polizei? Alles Faschisten. Und die Politiker? Alle korrupt. Wer widerspricht, hat entweder noch nicht gut genug gegoogelt – oder steckt mit der Elite unter einer Decke. Hier eine Debatte zu führen, ist nahezu unmöglich. Was soll das für ein Gespräch sein, wenn das Gegenüber nicht bereit ist, auf Argumente der Gegenseite konstruktiv einzugehen?

Auf der Cannstatter Wasen herrscht Volksfeststimmung. Der Winter war lang, der Lockdown nagt am Gemüt. Eine Frau hat ihre Flagge gehisst: »Trump-Train« steht drauf. Es wird getrommelt und getanzt, die Polizei hat sich an die Seiten zurückgezogen. Alle sollen sehen, wie friedlich es hier zugeht – als plötzlich Schreie zu hören sind. Ein Mann aus der Stuttgarter Hooligan-Szene hat sich mit zwei Einsatzkräften angelegt und wird zu Boden gerungen.

Die Umstehenden sind außer sich. »Faschisten!«, rufen sie den Polizeibeamten zu. Der Mann wird in Gewahrsam genommen und weggebracht. Bevor er im Einsatzwagen verschwindet, reckt er die Faust zum Gruß. In seinem blutüberströmten Gesicht ist ein Grinsen zu erkennen.

Es ist spät geworden. Karoline Preisler teilt bei Twitter ein Best-of der Sprüche, die ihr heute zugetragen worden sind: »Also hattest du eine Erkältung« »Ja, ich hatte auch mal Lungenentzündung.« »Ich hätte meine Kinder viel lieber durchseucht.« »Corona trifft Alte, die würden sowieso sterben.« Minutiös hält die Juristin ihre Eindrücke in ihrem »Corona-Tagebuch« fest. »Es war mir eine Ehre«, schreibt sie. Und macht Feierabend.

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