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Eine Schlacht verloren

Die Gewerkschaft in Alabama verliert eine wichtige Wahl deutlich, aber: Spontaner Wildcat-Strik bei Amazon in Chicago zeigt Basisaktivismus unter den Amazon-Beschäftigten

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Scheitern der Wahl einer gewerkschaftlichen Vertretung im Amazon-Warenlager in Bessemer ist eine Niederlage für die US-Gewerkschaftsbewegung. Eine Bewegung, die gerade die öffentliche Meinung auf ihrer Seite hat, die neue Dynamik entfaltet, aber dringend einen »Sieg« braucht. Aber: Dass die Abstimmung in Alabama mit 1798 zu 738 Stimmen deutlicher verloren ging als vorher viele Beobachter dachten, die einen knappen Ausgang erwarteten, ist nur eine verlorene Schlacht. Der Kampf geht weiter. Das ist nicht einfach hoffnungsvolle Lyrik, sondern journalistische Beschreibung der Ereignisse.

Über 1000 Anfragen hat die Gewerkschaft RWDSU im Laufe der Kampagne von Amazon-Arbeiter*innen aus den ganzen USA erhalten. Sicher, nur ein kleiner Teil davon wird tatsächlich zu Gewerkschaftskampagnen führen, doch die Zahl zeigt neuen Basisaktivismus unter den Amazon-Arbeiter*innen im Land.

Am selben Tag, als das National Labour Relations Board (NLRB) am Donnerstag mit der Auszählung der Stimmen aus Bessemer begann, gab es einen spontanen Wildcat-Strike in Chicago. Im Zuge eines »walkout« verließen die Arbeiter*innen eines Amazon-Warenlagers aus Protest gegen die harschen Arbeitsbedingungen des neuen Megacycle-Schichtsystems ihre Arbeitsplätze. Sie wollen sich nun auch über einzelne Warenhäuser hinweg in der Region organisieren. Die Teamster-Transportarbeitergewerkschaft will in Iowa Amazon-Fahrer*innen organisieren und nicht per Wahl eine Anerkennung gewerkschaftlicher Vertretung, sondern durch Streiks. Diese Dynamik wird weitergehen, die Niederlage in Bessemer wird vermutlich nicht verhindern, dass wir in den nächsten Monaten neue Organizing Bemühungen an mehreren Amazon-Standorten in den USA sehen werden.

Gleichzeitig gibt es in den USA eine neue Dynamik in Sachen Gewerkschaften. Immer wieder gründen dieser Tage Beschäftigte erfolgreich neue Gewerkschaftsvertretungen oder erkämpfen den Abschluss von Tarifverträgen – meistens aber in kleinen Unternehmen, in Coffeeshops, Buchhandlungen oder Marihuana-Stores oder an Universitäten, wo linke Aktivisten selbst arbeiten, also sozial verankert sind. Es sind aber auch Plätze an denen Arbeitgeber weniger Mittel haben, um zurückzuschlagen.

Ja, Amazon hat mit fiesen »Union busting«-Tricks, mit Anti-Gewerkschaftspropaganda und auch mit Einschüchterung operiert, vermutlich Millionen Dollar ausgegeben, um die RWDSU in Bessemer zu besiegen und es gibt einen Grund dafür, warum die US-Gewerkschaften in den letzten zwei Jahrzehnten kaum noch versucht haben, Großunternehmen gewerkschaftlich zu organisieren. Der Protect The Right To Organize (PRO) Act würde dagegen helfen und gewerkschaftliche Organisierung in Zukunft deutlich erleichtern – wenn er denn verabschiedet wird.

Die gescheiterte Gewerkschaftswahl in Alabama wird den öffentlichen Druck auf die Demokraten in dieser Frage erhöhen - und die fünf Demokraten-Senatoren, die ihn bisher (noch) nicht unterstützen. Das »playing field« ist massiv uneben zugunsten der Unternehmen, das muss geändert werden. Die Kampagne bei Amazon in Bessemer hat die landesweite Medienaufmerksamkeit und damit die vieler US-Amerikaner auf die Probleme gelenkt – das etwa die »New York Times« eine Live-Berichterstattung zu einer Gewerkschaftswahl macht, das gab es in den Vorjahren nicht.

Doch zu einer ehrlichen Analyse gehört auch: Die Gewerkschaft selbst hat Fehler gemacht. Man versuchte die anfängliche Empörung über fehlenden Arbeitsschutz in der Corona-Pandemie zu nutzen, um innerhalb nur eines Jahres »schnell« die Gewerkschaft zu etablieren. Das Abstimmungsergebnis zeigt: Die Gewerkschaft ist vor Ort und bei den Beschäftigten nicht genug sozial verankert, ihr wurde nicht vertraut oder zugetraut, Verbesserungen zu bringen. Sie hat zudem handwerkliche Fehler gemacht, etwa den Verzicht auf persönliche Haustürbesuche bei Arbeitern trotz Pandemie – die sind möglich und nötig.

Vertrauen lässt sich nicht mit einem kurzen Flyer-Zustecken von hauptamtlichen Gewerkschaftsmitarbeitern vor dem Werkstor unter den Augen der Überwachungskameras von Amazon oder hastig in Autofenster hinein gesprochene Kurzansprachen aufbauen.

Einige der Amazon-Arbeiter aus Bessmer, wie Daryl Richardson, haben bereits angekündigt, »weiterzumachen«. Die RWDSU kann das Abstimmungsergebnis vor Gericht anfechten und eine erneute Abstimmung beantragen. Auch wenn die Gewerkschaft das Votum gewonnen hätte, wäre die Bildung eines Betriebsrates und ein Tarifvertrag nicht sicher gewesen, hätte Amazon ebenfalls über Monate gegen das Ergebnis vorgehen können und sich dann einfach weigern können, zu verhandeln und weitere rechtliche Auseinandersetzungen dazu auszufechten. So wie es viele andere Unternehmen in den USA tun.

Im Kampf gegen den Konzern und die Widersprüche des 21. Jahrhunderts und seinem Digitalen Kapitalismus werden vermutlich noch einige Rückschläge hingenommen werden müssen. Die relative gewerkschaftliche Zähmung und sozialpartnerschaftliche Einhegung des Industriekapitalismus gegen Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschah schließlich auch nicht in einigen Monaten oder wenigen Jahren.

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