Kinder in den Mittelpunkt

Isabelle Vandre und Norbert Müller plädieren für eine Neuausrichtung der Kinder- und Jugendpolitik in Deutschland.

  • Von Isabelle Vandre und Norbert Müller
  • Lesedauer: 3 Min.

Selten ging es in den vergangenen Monaten in politischen Diskussionen um die Situation von Kindern und Jugendlichen. Von deren Interessen ist die (erwachsene) Politik weit entfernt. Wenn überhaupt, ging es um die Arbeitsfähigkeit der Eltern und schulischen Erfolg. Die Frage, was Kinder und Jugendliche brauchen, spielt(e) in Pandemiezeiten kaum eine Rolle: Begegnung, Spiel, die erste Liebe, Freizeiten, Freunde, Sport etc.

Junge Menschen haben ein anderes Zeitempfinden, sind sie doch in ständiger Entwicklung. An das, was vor einem Jahr, vor den Lockdowns war, können sie nicht mehr anknüpfen. Für Kinder und Jugendliche bedeutet die Zeit den Verlust eines ganzen Lebensabschnitts. Zudem sind diejenigen, die jungen Menschen Orientierung geben, Eltern, Lehrer oder andere Bezugspersonen, kaum noch in der gewohnten Rolle präsent.

Eine der ersten Studien zu Auswirkungen der Coronakrise auf Kinder und Jugendliche - beauftragt durch die Linksfraktion und vom Kindheitswissenschaftler Prof. Dr. Michael Klundt ausgeführt - diagnostizierte, dass sich Kinder und Jugendliche Zuhause eingesperrt fühlen. Es heißt, Kindern werden systematisch ihre Rechte vorenthalten: Die Orte, an denen sie üblicherweise gehört werden, wo sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sind ihnen verwehrt. Die ohnehin schwache Beteiligungskultur gegenüber Kindern und Jugendlichen ist zusammengebrochen.

Die Folgen der gegenüber den Interessen von Kindern und Jugendlichen gleichgültigen Krisenpolitik sind gravierend. Chancenungerechtigkeit im Bildungssystem und soziale Spaltung haben sich verschärft. Kinder, die sich mit Geschwistern ein Zimmer teilen müssen - 14 Prozent haben nicht einmal das - oder über kein eigenes digitales Endgerät verfügen, haben es doppelt schwer. Vereinsamung, Kinderarmut und Jugendarbeitslosigkeit haben zugenommen. Das alles hat gravierende Auswirkungen auf die Psyche.

Auch die aktuelle Debatte um Kinderrechte im Grundgesetz zeigt: Es gibt besonders in konservativen Kreisen eine tiefsitzende Angst, Kinder und Jugendliche zu beteiligen und ihnen garantierte Rechte einzuräumen. Mitspracherechte werden ihnen vorenthalten. Kinder werden als Anhängsel ihrer Eltern betrachtet, Jugendliche in ihrer wachsenden Autonomie misstrauisch beäugt.

Es bedarf einer Neuausrichtung der Kinder- und Jugendpolitik, welche die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt, auch auf Landes- und Bundesebene echte Partizipation ermöglicht und die Infrastruktur von Kindern und Jugendlichen krisenfest gestaltet.

Die eigene Umwelt entdecken, hinterfragen und demokratische Entscheidungsprozesse ausprobieren - das wird seit Jahren in Jugendverbänden, -klubs, -bildungsstätten und Kinder- und Jugenderholungszentren, in Musikschulen und Sportvereinen gelebt. Warum wurde nicht, wie in Betrieben, Schulen und Kindergärten, versucht, wenigstens Begegnung zu ermöglichen? Hier werden Kinder und Jugendliche unterstützt, selbstsichere und kritische Menschen zu werden. Es muss darum gehen, unterschiedliche Bedürfnisse und daraus entwickelte Forderungen z. B. mittels Schüler*innenvertretungen und Kinder- und Jugendparlamenten in die Erwachsenen- und Politikwelt zu übermitteln und Kindern und Jugendlichen echte Befugnisse einzuräumen. Lehre aus der Coronakrise muss sein, Partizipation auszubauen und sie für Kinder und Jugendliche erfahrbar zu machen. Weder Stundenpläne in den Schulen noch die finanzielle Situation der Elternhäuser dürfen Kinder und Jugendliche daran hindern. Wir brauchen ihre Beteiligung. Sie ist unabdingbar, um Kinder und Jugendliche aus der Krise heraus zu begleiten. Wir müssen es nur wollen und die notwendigen Ressourcen bereitstellen!

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