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Bundestrainer auf Abwegen

Sonntagsschuss

  • Christof Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Gestatten, dass ich Ihnen ein paar Namen präsentiere? Fährmann, Becker, Thiaw, Serdar, Bozdogan, Müller (Florian, nicht Thomas), Schlotterbeck, Heintz, Günter, Höfler, Höler - das sind die elf Spieler, die am Samstag in den Startformationen des SC Freiburg und des FC Schalke 04 standen und die gleichzeitig spielberechtigt für die deutsche Nationalmannschaft wären. Dass zumindest diejenigen davon, die ein Schalker Trikot trugen, so schwach waren, dass sie nicht mal in der dritten Liga spielberechtigt sein dürften, tut jetzt nichts zur Sache.

Das Rätselraten auf der Pressetribüne war jedenfalls groß. Wen, um Himmels Willen, mag denn nun der Herr mittleren Alters beobachten, der da auf der linken Hälfte der Haupttribüne saß? Welcher der elf ist wohl am ehesten ein Nationalspieler in spe?

Um der Wahrheit die Ehre zu erweisen, wurde diese Frage nur rhetorisch gestellt. Es ist ja meist so, dass kein einziger potenzieller Nationalspieler auf dem Platz steht, wenn Bundestrainer Joachim Löw bei Freiburger Spielen aufkreuzt. Er guckt eben gerne Fußball, was man ja auch gut nachvollziehen kann. Fußball wurde allerdings am Wochenende auch in Wolfsburg gespielt - gegen die Bayern. Oder in Gladbach - gegen Frankfurt. Auch Leverkusen hatte ein Heimspiel. Doch Löw war in Freiburg. Als die Bayern jüngst beim wohl vorentscheidenden Spiel um die Meisterschaft in Leipzig spielten, war Löw ebenfalls nicht vor Ort. Der »Kicker« warf daraufhin die Frage auf, warum die Bundestrainerin der Frauen, Martina Voss-Tecklenburg, ihren Pflichtaufgaben nachkomme und sich regelmäßig vor Ort einen Überblick über den Leistungsstand ihrer Spielerinnen mache, ihr Pendant bei den Herren aber meist durch Abwesenheit glänze.

Die Antwort gibt sich eigentlich von selbst. Erstens: Weil Voss-Tecklenburg eine fleißige Frau ist. Und zweitens: Weil man beim DFB offenbar machen kann, was man will. Und das von dem Ort aus, der einem genehm ist. So etwas wie eine Residenzpflicht scheinen die Arbeitsverträge beim DFB jedenfalls nicht vorzusehen. Weshalb Sportdirektor Oliver Bierhoff in München wohnt. Und Löw eben in Freiburg. Sollen ja auch beides ganz hübsche Städte sein.

Womit wir bei Hansi Flick wären, der am Wochenende angekündigt hat, dass er gerne vorzeitig aus seinem bis 2023 gültigen Vertrag beim FC Bayern entlassen werden würde. Flick ist die logische Wahl als Nachfolger von Löw, der ja bekanntlich nach der kommenden EM (die erstaunlicherweise nicht in Freiburg stattfindet) aufhören wird. Würde es so kommen, könnte man sowohl den DFB als auch Flick nur dazu beglückwünschen. Durch seine erfolgreiche Arbeit bei den Bayern wäre er mit einer fachlichen Autorität ausgestattet, die auch auf nachweisbaren Erfolgen als Vereinstrainer beruht. Dass auch in den kommenden Jahren das Gerüst der Nationalmannschaft aus Spielern des FC Bayern bestehen wird, ist offensichtlich. Sie kennt Flick nun aus dem Effeff. Und da der menschlich wie fachlich integre Mann im Spielerkreis aus gutem Grund deutlich beliebter war als, sagen wir einmal van Gaal, garantiert das wechselseitige Loyalität. Flick wohnt im Übrigen in einem Örtchen namens Bammental. Von dort aus sind es sogar mehr als 20 Kilometer (20,4) bis zum nächsten Bundesligastadion, der Arena der TSG Hoffenheim. Bei den für Bundestrainer tolerierbaren Anfahrtswegen könnte er also im Vergleich zu seinem Vorgänger (Taxi-Distanz zum Schwarzwaldstadion) echte Fleißpunkte sammeln.

Das Geraune und Getuschel unter den Journalisten endete am Samstag übrigens mit dem mutigen Entschluss eines Kollegen, den Bundestrainer einfach mal direkt zu fragen, was genau er denn beim Spiel Freiburg gegen Schalke so tue. Der Kollege setzte sich in der Halbzeit also in die Nähe des Sitzes, auf dem noch in der ersten Halbzeit der Bundestrainer gesessen hatte. Und wartete und wartete. Doch Löw kam nicht wieder. 45 Minuten müssen eben auch mal reichen, um die notwendigen analytische Schlüsse aus einer Bundesligapartie zu ziehen. Zumindest, wenn die so einseitig verläuft wie der Freiburger 4:0-Sieg gegen Schalke. Und erst recht, wenn es im Stadion so kühl und zugig ist wie am vergangenen Wochenende.

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