Ostmoderne oder Schlossneubau?

Der Architekt Wolf R. Eisentraut im Gespräch über den Palast der Republik - 45 Jahre nach dessen Eröffnung

  • Von Danuta Schmidt
  • Lesedauer: 5 Min.

Herr Eisentraut, Sie waren einer der fünf Architekten, die unter der Leitung von Heinz Graffunder den Palast der Republik geplant haben. Allein der Name: »Palast«! Ein Palast. Für die Republik. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein Glück! Wie erklären Sie sich das heute?

Da spielt der zeitliche Zufall eine Rolle. Ich hatte studiert und wollte im gemütlichen Sachsen bleiben. Einen Vertrag hatte ich bereits unterschrieben. Während des Studiums nahm ich an Architekturwettbewerben teil, und ein erfolgreicher Beitrag für die Innenstadt Prenzlau ließ mich in den Fokus von Hermann Henselmann geraten. Er suchte junge Leute für seine neu eingerichtete Experimentalwerkstatt bei der Bauakademie, und so bestellte er mich 1968. Ich blieb drei Jahre in seinem Team und wurde sächsischer Berliner.

Wie kamen Sie dann als noch recht unerfahrener Architekt in das Entwurfsteam für den Palast?

Der damalige Chef des Instituts für Wohnungsbau in der Bauakademie Heinz Graffunder bekam den Auftrag. Er hatte schon die deutsche Botschaft in Ungarn und das Alfred-Brehm-Haus im Tierpark Berlin gebaut, und er brauchte jemanden, der einen geraden Strich ziehen konnte. Ich habe viele Fassaden gezeichnet und saß oft noch spätabends, und er lief im Großraumbüro vorbei. Ich hatte Lust am Zeichnen und Bauen, das spürte er offenbar.

Ein Auftragswerk mit sehr hoher Verantwortung: politisch, gestalterisch, technisch. Architektur ist jedoch auch oft Spiegel der jeweiligen Macht, heute mehr denn je. War Machtgebaren hier ein Thema?

Überhaupt nicht. Es war die Chance, etwas Großes mitten in der Stadt zu platzieren und das Ensemble des neuen Stadtzentrums zu vollenden, die Leere des Platzes mit einem öffentlichen Gebäude zu füllen. Es war kein Regierungssitz, wie heute suggeriert wird. Dennoch: 1973 begann das Bauvorhaben. Da spielte gewiss die damalige Anerkennungswelle der DDR eine Rolle, und da wollte man aufwarten mit einem repräsentativen Gebäude für Kongresse und Veranstaltungen mitten im Zentrum.

Wie plant man so etwas?

Innere Funktion und die Erscheinung im Stadtraum bestimmten das Grundkonzept: nach innen orientierte und der Konzentration dienende Säle, umschlossen und verbunden mit gläsernen Foyers, die den umgebenden Stadtraum erlebbar machen. Das konnte ja nicht nur der Volkskammersaal für die Politik sein, sondern musste mit Leben gefüllt werden für das Vergnügen des Volkes. Dies umzusetzen in einem Bauwerk, war die große Herausforderung, und es war schnell das Raumprogramm klar: Es müssen Gaststätten und ein großes Foyer sein. Wenn 5000 Leute kommen, muss es Pausenversorgung geben. Da muss eine Hallenbar, eine Galerie mit Ausblicken sein. Und es gab von Anfang an den Gedanken, dass dort repräsentative Kunst zu sehen ist. Auch ein Ort für kleinere Veranstaltungen wurde geplant. Sogar Postamt, Weinstube, Kegelbahn, Jugendclub, Sprachkabinette und ein Souvenirshop. Und schließlich - und das war mein spezielles Lieblingsstück - das Theater im Palast.

Auch städtebaulich war die gestalterische Hürde hoch in Nachbarschaft zu Berliner Dom, Museumsinsel und Staatsratsgebäude. Verfechter der historischen Mitte monieren das Monströse. Wie sehen Sie das?

Der Entwurf zielte auf eine moderne, zeitgemäße Gestaltung unter Respektierung der vorhandenen Bauten. Der erhabene Kuppelbau des Berliner Domes, die Säulenhalle des Schinkel’schen Alten Museums, aber auch Marstall und Staatsratsgebäude bestimmten den Raum, in den sich der Palast mit bewusst begrenzter Höhe parallel zur Spree als ein neuer Teil des Ensembles eingefügt hatte. Monströs ist eher das stadtraumbeherrschende Schlossimitat mit seiner Kuppel, die ursprünglich zur Machtdemonstration des deutschen Kaiserreichs diente. Nun nimmt eine Kopie dem Berliner Dom die Dominanz.

2006 bis 2008 erfolgte die Demontage des Palastes der Republik. Es war vor allem die politisch motivierte Entkernung. Im Nachhinein fand plötzlich jeder das Bauwerk hässlich. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Das war sehr betrüblich. Keineswegs fand jeder das Bauwerk hässlich, die Schloss-Befürworter aber schon. Der Abriss war ja schon 1990 beschlossene Sache. Das wissen viele heute nicht. Die übliche Methode der Entsorgung baulicher Zeugnisse der ungeliebten Gesellschaft wurde auch hier angewendet: Erst Leerstand erzeugen, dann vergammeln lassen. Selbst bei der Galerie M in Berlin-Marzahn ist das so gemacht worden. Dieser Prozess geht über Jahrzehnte, bis auch der letzte Ossi sagt: »Also schön ist es nun nicht mehr.«

Warum war der Abriss ein Fehler?

Das Museum Humboldt-Forum ersetzt nicht die an diesem Ort ehemals erfolgreiche Nutzungsvielfalt. Übrigens hatte ich 2001 der Schlossplatz-Kommission einen Entwurf vorgelegt, der den Palast erhalten und mit einem davor errichteten Museums- und Ausstellungsbau sowie einem Turm für Schloss und Schlüter in ein völlig neues städtebauliches Ensemble eingebunden hätte. Damit wäre der damalige Demonstrationsplatz ausgefüllt worden und hätte einen neuen Stadtraum vis-à-vis vom Lustgarten erzeugt. Als Inhalt hätte da auch das Humboldt-Forum großzügig und angemessen Raum finden können, ohne es in die nun teuer nachgebaute Hülle zwängen zu müssen. Aber das Ziel der Kommission war ein anderes.

Mit dem Wissen, dass Abriss und Entsorgung 119 Millionen und der Neubau mehr als 682 Millionen Euro gekostet haben, mit dem Blick zurück auf Erfahrungen aus 31 Jahren deutscher Einheit sowie dem Blick nach vorn auf das globale Thema ressourcenschonendes Bauen: Welche Chance hätte der Palast im Jahr 2021?

Die Kosten dürften nach meiner Erfahrung höher liegen. Erst Gesamtkosten ergeben das wahre Bild. Aber darauf kommt es hier offensichtlich nicht an, Gesamtbetrachtungen werden vermieden. Dazu die doppelte Umweltbelastung durch Abriss und Neubau. Ich setze mich schon immer für Nachhaltigkeit und die Nutzung vorhandener Substanz ein. Der Palast wäre, hätte man ihn nicht mit hohem Aufwand zerstört, ein weiteres attraktives Kongress- und Kulturzentrum in der Mitte der deutschen Hauptstadt gewesen. Und angesichts zunehmender Wertschätzung der Ostmoderne wäre heute die Abrissdiskussion möglicherweise etwas anders verlaufen. Oder ist das blauäugig?

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