Wie schön sind nützliche Dinge?

Das Berliner Bröhan-Museum in Berlin widmet eine Ausstellung der Firma Braun, einem der Vorreiter des bundesdeutschen Designs

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.

So ein Stück purer Technik ruiniert doch das ganze Biedermeierwohnzimmer! Darum sperrte man einst Fernsehapparate auch in Schränke mit Eichenholzfurnier, die man, sobald das Programm beendet war, sorgsam wieder verschloss. Das war in den 50er Jahren so, aber dann begann eine Revolution nicht nur der Technik, sondern auch des Designs.

Plötzlich wurden technische Geräte im Haus zu vorzeigbaren Einrichtungsgegenständen - von der Kaffeemaschine bis zum Toaster. Letzterer gehört zu den wenigen Geräten, die auf seltsame Weise über ein halbes Jahrhundert kaum ihr Aussehen verändert haben, abgesehen vielleicht noch vom elektrischen Rasierapparat. Aber was ist eigentlich eine Musiktruhe? Der 50er-Jahre-Vorläufer des 90er-Jahre-Hifi-Turms. Und wo ist dieser geblieben?

Das Bröhan-Museum als Berliner Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus widmet nun eine Ausstellung der Firma Braun, einem der Vorreiter des bundesdeutschen Designs. Zu hundert Jahren Braun-Design gibt es 100 Ausstellungsstücke, die ihre eigene Sprache sprechen.

Ist Design nur eine Form des Verkaufsmarketings? Eine neue interessant gemachte Fassade, um dahinter eine Technik zu verbergen, der vielleicht die Soll-Bruchstelle schon eingebaut wurde? Nein, das verkennt das Thema Design. Dieses verbindet immer wieder neu Funktion und Ornament. Es drückt nicht nur ein Produkt aus, sondern seine Zeit.

Braun war schon vor der NS-Zeit ein ambitionierter mittelständischer Elektrofamilienbetrieb. Als nach dem Krieg die Wirtschaft wieder in Bewegung kam, war Braun einer der ersten, der versuchte, an die Avantgarde-Tradition von vor 1933 wieder anzuknüpfen. Dazu gehörte vor allem das Bauhaus, aber auch künstlerische Strömungen wie der Expressionismus oder der Konstruktivismus. 1954 wagte Braun den Sprung und holte Fritz Eichler, einen Maler, Kunsthistoriker und Theaterregisseur. Er wurde zum »Geburtshelfer« des legendären Braun-Designs.

Nun kann man in dieser Ausstellung ganze Produktserien besichtigen, etwa die heute nicht mehr so gefragten »Schlagwerk-Kaffeemühlen« von 1967, die äußerlich nichts mehr mit der traditionellen Handkaffeemühle zum Kurbeln gemein haben. Sie wirken eher wir grellbunte Raumkapseln. Auch der Haartrockner »HLD 4« von 1970 hat mit einem konventionellen Föhn nichts gemein. Es ist ganz simpel eine rosa Blackbox mit Lüftungsschlitzen. Man sah es, aber wusste nicht mehr auf Anhieb, was man sah und wozu das Gesehene nützlich sein konnte.

Das ist der Grenzfall des Designs, die verborgene Funktionalität. Wozu wohl die Küchenmaschine »KM 32« von 1964 gut sein mochte? Rühren und mixen? Die Maschine verbirgt geschickt, was sie kann und was nicht. Ein Blick in die Weiten des Konsum-Universums, dabei immer dem schönen glitzernden Schein verhaftet, denn schließlich handelt es sich hier um käufliche Dinge? Das auch, aber bei Weitem nicht nur.

Zur Ausstellung gibt es einen Katalog, der sich Hintergründen und Personen widmet. Immer wieder taucht dabei der Name Otl Aicher auf, als prägender Gestalter des Braun-Designs. Schließlich spricht man sogar vom »Staatsdesign der BRD«, das sich in Braun-Produkten zeigte. So wie Braun war der Westen? Bunt und aus wenig haltbarem Kunststoff?

Ist das hier die Realisierung von Avantgarde-Kunst oder deren verkehrter Abglanz? Auf Fotos von Man Ray oder László Moholy-Nagy ist vieles von dem, was am Ende zum Braun-Design wird, bereits vorgearbeitet. Realität werde dabei zum Signal, heißt es. Es spricht, aber zu wem? Zum potenziellen Käufer? Kunst ist immer auch - im Unterschied zum Produktdesign - Selbstzweck, wir haben Teil an einem Selbstgespräch ihres Schöpfers im Prozess des Schaffens.

An dieser Stelle muss man wohl das Thema Design über das in der Ausstellung »Braun 100« Gezeigte hinaus erweitern. Es führt unweigerlich wieder zu der grundsätzlichen Frage nach dem Verhältnis von Funktion und Ornament, an dem sich schon das Bauhaus abarbeitete. Gegenstände haben einerseits eine Funktion, ihr Zweck bestimmt auch ihre Form. Andererseits ist ein Gegenstand - etwa ein Haus oder ein Tasse - mehr als seine bloße Funktion: Er soll nicht nur praktisch, sondern auch schön sein.

Hierzu sollte man den heute leider fast vergessenen Ästhetik-Theoretiker Lothar Kühne und seine Bücher »Gegenstand und Raum« sowie »Haus und Landschaft« wieder lesen. Kühne war einer der originellsten und scharfsinnigsten Theoretiker der DDR. Im Abschnitt »Der Gegenstand als Gespenst« von »Gegenstand und Raum« schließt er an die »allgemeine Warenanalyse« von Karl Marx an. Der Unterschied zwischen einer guten und schlechten Tasse zeige sich in deren Gebrauchswert. Material und Verarbeitung können bei zwei äußerlich gleich aussehenden Tassen ganz und gar unterschiedlich sein.

Die schlecht verarbeitete Tasse geht den Weg der »Vermüllung«. Will man sie dennoch verkaufen, muss man ihre Mängel äußerlich kaschieren. Das passiert dann häufig durch einen Trick, den Kühne die »Bekunstung« nennt. Das meint je nachdem Blümchen oder auch ein abstraktes Motiv: »Die Idealisierung des Mülls in der Erscheinung des bekunsteten Gegenstandes entwickelte nun eine Tendenz der Verdrängung der praktischen Raumwerte, es wurde die ›gute Stube‹.« Womit gesagt ist, hier geht es um mehr als einen bloßen Gebrauchsgegenstand, es geht um die künstlich geschaffene Lebenswelt des Menschen (die Kultur) im Verhältnis zur Natur. Und damit gelangt man unweigerlich zum Thema Aneignung.

Dabei wird deutlich: Wenn man von Design spricht, dann vom Selbstbild einer Gesellschaft in der Art ihrer Produktion. Man sollte nicht so weit gehen wie Funktionalisten strenger Observanz, die einst postulierten, Ornament sei Verbrechen - aber ohne Funktionalität braucht man über das Ornament gar nicht zu reden.

Die Ausstellung »Braun 100« zeigt eine deutliche Tendenz im Verhältnis von Funktion und Ornament: die Verschiebung hin zum Funktionalen. Aber damit auch zum Traumlosen, dem auf seine pure Nützlichkeit reduzierten Gegenstand? Interessanterweise macht das Bröhan-Museum parallel zu »Braun 100« auch zugleich die Gegenperspektive dazu sichtbar, in der Ausstellung »Luigi Colani und der Jugendstil«. Beides zusammen wird zum hochinteressanten Diskurs über das, was die sich wandelnden ästhetischen Formen über diese Gesellschaft aussagen.

Ausstellung »Braun 100« im Bröhan-Museum in Berlin. Die Schau kann digital besichtigt werden: Mehr Infos unter: www.broehan-museum.de

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